Große Kids

Ein Coming-of-Age-Feature, Verhandlung eines Generationenkonflikts, Dokumentarradio in Echtzeit und eine brillante Montage – das alles ist dieses Stück aus dem Jahr 1996. Helmut Kopetzky, vielerfahrener Feature-Autor, nimmt sich und seinen neunzehnjährigen Sohn auf. Und er gibt das Mikrofon ab: Jan zieht mit seiner Clique durch Kinos, Discos und Kneipen im Berlin der neunziger Jahre und hat bei allen möglichen und unmöglichen Situationen den Kassettenrekorder dabei. Genervte Eltern, genervte Jugendliche, stundenlange Telefonate, S-Bahnfahrten, zu laute Musik, Kippen, Kotzen, Diskussionen. Zeitverhaftet und zugleich zeitlos.

Mirjam

Das wäre doch mal eine tolle Subkategorie: Feature-Portraits, die weibliche Vornamen als Titel tragen. Viel gibt es da nicht, aber Erlesenes. „Jenny“ von Jens Jarisch porträtiert eine junge Frau, die sich aus dem Sumpf von Gewalt und Drogen befreit. „Sibylle“ (Robert Schoen) leidet an einer bipolaren Störung. „Angelika“ (Charly Kowalczyk) ist eine Geschichte von jahrelangem Kindesmissbrauch. Und nun „Mirjam“ von Werner Meyke. Mirjam ist … nun ja. Sie ist sich in vielen Dingen unsicher. Sie findet, dass der Vormärzschriftsteller Georg Weerth zu wenig beachtet wird. Sie hat einen großen Busen, auf den sie ständig angesprochen wird. Die Liebe hält sie für eine romantische Illusion. All das sagt sie über sich selbst in diesem knapp einstündigen O-Ton-Stück. Kann man das irgendwie auf den Punkt bringen? Gibt es ein Thema? Nicht wirklich. Und trotzdem wollen wir vier vom Rechercheteam (naja, fast alle vier ….) ihr bis zum Schluss zuhören. Sie klingt irgendwie frisch, ungekünstelt, sie redet ohne Auftrag und ohne Agenda. Sie kommt von einem Thema zum nächsten, man weiß nicht wie und warum, aber dass alles für sie von Belang ist, kann man spüren. Vielleicht bleiben wir aber auch einfach deswegen dran, weil das so ein ungewöhnliches Ereignis ist: dass jemand eine Stunde lang im Radio einfach so reden darf.

Übrigens sollte das Stück gar nicht Mirjam heißen, sondern „Mirjams Liebe“. „Aber Redakteure wollen ja auch immer was sagen oder einen Vorschlag machen“, so Werner Meyke im Jahr 2020. Also hieß es „Mirjam“ (so viel zur Stichhaltigkeit von Subkategorien.)

Mirjam erzählt. Von der Liebe, die es ihrer Ansicht nach nicht gibt und die den Leuten nur eingeredet wird. Von unterdrückten Gefühlen. Von den Schwierigkeiten, die sie in der Schule hatte. Darüber, wie sie Kafkas „Urteil“ gelesen hat. Von Gesellschaft und Autorität. Und am Schluss ganz lange von einer verunglückten Mexiko-Reise, bei der sie schlecht behandelt worden ist, vor allem von ihren zumeist männlichen Mitreisenden, aber auch von einer Frau, die diesen Männern gefallen wollte. Und immer ist Werner dabei, ihr Freund, der sie bestätigt, Anteil nimmt, alles, was sie sagt, mit einem positiven Echo verstärkt. Wie ein Interviewer, gar ein investigativ nachhakender, verhält er sich überhaupt nicht. Das Gespräch wirkt privat, manchmal fragt man sich als Hörer, was man eigentlich zu suchen hat in diesem Zwiegespräch. Und wo Werner Meyke sich nicht an Mirjam, sondern an die Zuhörer wendet, tut er das sehr knapp, sehr beiläufig, wenig ‚erzählermäßig‘; er gibt kein Panorama, stellt uns Mirjam nicht vor, sagt nicht, was ihn an ihr interessiert und warum er sie ins Radio bringt. An einer Stelle gibt er den Hinweis, dass der Werner, von dem eben im O-Ton die Rede war, ein anderer Werner ist als er selbst. Fast linkisch wirkt das. In unserer Recherche haben wir unzählige Erzähler gehört, die Ansprachen an die Hörerschaft hielten. Keiner war von diesem Modus weiter entfernt als Werner Meyke.

Irgendwie waren wir auch befremdet. Auszuge aus unserer Kommentardatei: „Auch das waren die 70er – labern, labern, labern.“ – „Bei dieser Mexikogeschichte hätte ich schon gerne gehabt, dass einer mal was fragt.“ Das Bild eines Kneipengesprächs stellte sich ein, bei der der Rekorder einfach mitläuft. Und vor allem die Badewanne hat uns nicht losgelassen. „Kennen wir irgend ein anderes Feature, bei dem die Protagonistin am Anfang nackt in der Badewanne liegt?“

Die unmittelbare Zugänglichkeit dieses Stückes ist auch eine Falle. Durch die Oberflächenreize und das Zeitkolorit der 70er Jahre, das sich auch in Vokabeln wie „Bumsverhältnis“ zeigt, muss man sich durchhören, eh man erkennt, dass Mirjam komponiert ist. Es ist nicht einfach draufgehalten worden. Das Material ist selektiert, gesiebt und angeordnet. Eigentlich sogar ziemlich deutlich, das Strukturelement sind kleine (und gegen Ende hin längere) Zellen, die mit Pausen voneinander abgetrennt sind. Dieses Verfahren war verbreitet im damaligen Hörspiel, Jürgen Beckers „Häuser“ etwa ist ähnlich gebaut. Jede Einheit steht für sich und zugleich bietet ihre Abfolge einen Zusammenhang – der aber weniger die Form einer Spannungskurve hat als die eines Kaleidoskops. Oder eben eines Gesprächs, das aber so nicht stattgefunden hat, sondern vom Autor mit dem O-Ton-Material nachgezeichnet wurde. Der Schnitt hat nicht wie sonst oft die Funktion, die Aussagen der Gesprächspartnerin griffig, geschmeidig, kompakt und vor allem kurz zu machen. Der Weg über Umwege, das Suchen nach Worten, das berühmte allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Reden – hier steht es im Mittelpunkt.

Und am Anfang steht ein Unbehagen: „Die Liebe gibt es nicht“ – damit gibt Mirjam den Grundton vor. Es wird einem etwas versprochen und es erfüllt sich nicht. Entfaltung wird unterdrückt. Am Arbeitsplatz muss man acht Stunden lang seine Gefühle verdrängen. Krankenschwestern können gar nicht mit Liebe arbeiten, wenn sie ihr Pensum schaffen wollen. Und Kinder reden nur noch von Mord und Totschlag: Ergebnis der Springer-Presse. Vor dem Hintergrund dieses Unbehagens klingt auch die Badewanne anders: tief abtauchen. Den Schmutz abwaschen. Und wenn ihr Kopf wieder auftaucht, sind „die Verhältnisse“, wie man damals sagte, schon wieder da, in Gestalt der Erwartungen, die an sie gestellt werden und denen sie nicht entsprechen kann oder will: „Jetzt seh ich doch sehr damenhaft aus, ja? Jetzt würd ich meiner Mutter gefallen.“

Fasziniert und auch ein bisschen amüsiert waren wir von Werner Meykes schluffigem Erzählstil im Jahr 1975. Und nun steht er im Jahr 2020 vor mir. Er trägt den Diskurs des O-Ton-Hörspiels aus den 70er Jahren in die Gegenwart und stellt sich selbstbewusst als Romanautor und Künstler vor. Vom Feature und vom Journalismus will er sich abgrenzen. Ein Porträt und ein Sittengemälde nennt er Mirjam, nennt die Bilder einer Ausstellung und Kafkas Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande als Referenzen für solche Sittengemälde, beschwört die Kraft, die echte, gesprochene Sprache gegenüber nachinszenierter Wirklichkeit im Hörspiel hat. Wir sprechen von anderen damaligen O-Ton-Hörspielen und heben hervor, dass Meyke immer ihm nahestehende Menschen vors Mikrofon geholt hat, seine Freundin Mirjam, seinen Schulfreund Justus oder seine Tante Gertrud: Individuen, nicht Vertreter sozialer Milieus. Meyke vergisst auch die nicht, die seine Arbeit ermöglicht haben: Günter Bommert, der als Hörspielredakteur bei Radio Bremen Menschen wie ihm eine Chance gegeben hat und ihn stundelang nachts bei Bremen seine Bänder schneiden ließ. Karl Fruchtmann, der Filmemacher, mit dem sich Meyke später zusammentat und vom Hörspiel zum Film abwanderte. Und Hanns Dieter Hüsch, der ihm seinen ersten Job beim RIAS per Empfehlungsschreiben verschafft hat. Der sprach von der Langzeitwirkung, die Werke haben müssten, die verschiedenen Schichten, die sich erst nach und nach entfalten.

Und: stellt die sich ein?

Unser Team kommt hier auf keinen gemeinsamen Nenner – vielleicht kein Wunder bei einem Stück, das so sehr auf offene Dramaturgie setzt. Manche finden es immer noch ungeformt, unfokussiert, eine halbe Sache, hätten am liebsten vorzeitig abgeschaltet. Andere sagen: dieses unfrisierte Reden, das ist der vorweggenommene Podcast-Ton. Mir scheint: es ist ein Zeit-Stück, das ausstrahlt. Einerseits bewahrt es den Geist der 70er Jahre: so hat man damals geredet und diese Freiheiten hat man sich im Radio erobert. Diese Form entsprach der Zeit und ein heutiges Remake müsste eine eigene, zum Heute passende Form finden. Andererseits erzählt es von Verletzungen, von Ausgrenzung und subtiler Gewalt, die heute sehr breit diskutiert werden und die man mit so einem Stück zurückverfolgen kann. Die losen Enden, die offenen Fragen, die informelle Art, mit der Mirjam sich mitteilt: ich empfinde sie als den Wert des Stückes. Mirjams Unsicherheit löst sich nicht auf, ihre Gedanken werden nicht eingeordnet. Wir Zuhörer sind auf ihre Stimme zurückgeworfen und können uns fragen: wissen wir es eigentlich besser?

Ingo Kottkamp

 

 

Gespräch mit Werner Meyke im Jahr 2020

Über Mirjam

Ich wollte ihrem Satz von der Liebe nachgehen und ich wollte sie porträtieren.

Ein Porträt löst sich ab vom Porträtierten.

Mirjam sollte eigentlich Mirjams Liebe heißen.

 

Über Radio Bremen in den 70er Jahren

Günter Bommert als Talentförderer bei Radio Bremen

Radio Bremen als Biotop fürs O-Ton-Hörspiel

 

Über O-Ton-Hörspiel und Feature

Abgrenzung vom Feature

Die Poesie der gesprochenen Sprache

Mentor Hanns Dieter Hüsch, Langzeitwirkung von Stücken und noch mal die Kraft des O-Tons

Biografie

Werner J. Meyke, in Deckbergen bei Rinteln an der Weser geboren. Schulzeit in der Nähe von Hamm/Westf. am Rande des Ruhrgebiets. Studium der Germanistik, Philosophie und Publizistik in Freiburg, Kiel und Berlin. Abschluss bei Harry Pross mit einer Arbeit über den Verleger Kurt Wolff. Zahlreiche Originaltonhörspiele von 1969–1983 für RIAS Berlin und Radio Bremen. Zahlreiche Fernsehspielarbeiten mit Karl Fruchtmann, darunter: „Der Boxer“ und „Zeugen“.

Ausgewählte Radiostücke

„Grüsse an Onkel Franz“ (RIAS 1970)
„Der Tod eines Sängers anhand von …“ Ein experimentelles Hörspiel“
(RIAS Jahr unbekannt)
„Mirjam“ (Radio Bremen 1975)
„Du lebst! Fertig! Du bist doch da!“ (Radio Bremen 1978)
„Justus, der Rahmenhändler“ (Radio Bremen 1980)
„Justus oder Wo will man wirklich hin“ (Radio Bremen 1981″
„Fortsetzung einer Flucht“ (Radio Bremen 1983)

 

 

Vorname Jonas

Die Geschichte von Jonas ist eine tragische. Das wird im Laufe von Heises Recherchen sehr schnell klar. Ein guter Schüler, schlau. Aber die Eltern alkoholkrank und mit der Fürsorge für Jonas und seinen Bruder überfordert. Statt Unterstützung zu erfahren, gerät Jonas in ein Disziplinierungssystem. Er kommt in ein schlecht funktionierendes Kinderheim, das später wegen Verwahrlosung der Kinder geschlossen wird. Dazwischen immer wieder zurück zu seinen suchtkranken Eltern. Er rebelliert gegen beides, verweigert die Arbeit für ein Jahr und bekommt dafür nach Paragraf 249 – dem so genannten Asozialenparagrafen – ein Jahr Haft. An dieser Stelle beginnt Heises Stück.

Thomas Heise über die Entstehung von „Vorname Jonas“

Heise bekommt Jonas vom zuständigen Staatsanwalt zugeteilt. Er will ein Stück für die Reihe „Tatbestand“ machen, in der reale Justizfälle für den DDR-Rundfunk abgehandelt werden. Es ist seine erste Arbeit für den DDR-Rundfunk, wir schreiben das Jahr 1983. Gerade ist er seinem Rausschmiss von der Filmhochschule zuvor gekommen und er sucht nach einer neuen Betätigungsmöglichkeit. Er wünscht sich einen „möglichst unspektakulären Fall“, weil ihm von vornherein klar ist, dass er nicht nur die Geschichte eines Protagonisten erzählen will. Sondern auch etwas über die Behörden, „das System“ – die Momente wo es funktioniert und nicht funktioniert. Ob Jonas jemals mit ihm reden wird, ist für Heise, als er mit seiner Arbeit beginnt, äußerst unklar. Er stürzt sich also auf dessen Umfeld – auch um im Notfall überhaupt eine Geschichte zu haben. Und macht das übliche: Rekonstruktion einer Biografie. Bis zum Punkt x. Der Punkt x ist die Entlassung von Jonas.

Heise will die Familie begleiten, wenn sie Jonas abholt, und wird Jonas dort zum ersten Mal treffen. Vorher schon spricht er mit den Eltern, mit dem Bruder, mit der Lehrerin. In Jonas´Akte findet er Namen und Adresse seiner Freundin und trifft auch sie. Lehrerin, Eltern und Freundin malen ein jeweils völlig unterschiedliches Bild von diesem Mann. Ein Element, dass auch dramaturgisch von Heise genutzt wird. „Wer wird da zurückkommen?“. Auf diese Frage gibt es bis zum Tag x keine Antwort. Die erste Frage der Eltern an Jonas lautet dann vor allem: Ob er vielleicht von unterwegs ein paar Bier mitbringt?

Die Geräuschebene ist rough, man kann auch sagen krude – aber damit nicht unpassend für den Stoff. Es dominieren: ein Ich-Erzähler, klar als Autor erkennbar, der den offenbar abgelesenen Text zügig und monoton herunterrattert. Hart geschnittene O-Töne. Die teils auch abrupt mittendrin enden. Und auf die oft eine kurze Stille folgt. Geräusche: Eine Gefängnistür. Immer wieder Regen (kein leichter Landregen, ein lautes Trommeln). Musik: Eine Collage aus den Beatles („Love me do“) und einem Pionierlied. Ein- zweimal ein kurzes Aufflackern eines Orchesters. Heise sagt später im Interiew, er wusste damals einfach nicht, wie man im Radio montiert. Hätte schlicht einen akustischen Trenner gebraucht und zum Regen gegriffen. Würde er heute vielleicht anders machen. Er habe auch nicht gewusst, was die anderen Autoren so machen in diesem Bereich, sagt Thomas Heise (Quelle Interview mit Thomas Heise am 23.4.2019 im Interview in der Akademie der Künste). Mag sein. Aber… natürlich greift Heise auf ästhetische Prinzipien zurück, auch wenn sie vielleicht nicht aus dem Rundfunk kommen. Für den Sprecherton orientiert er sich am Theater, Brecht, Müller, Fritz Marquardt. Bei der Geräuschebene, den Schnitten und Atmos helfen ihm kompositorische Prinzipien aus der Musik. Er sucht explizit nach rhytmischen Geräuschen (Regen), ein nicht identifizierbares, stampfendes Maschinengeräusch, mal ein abfahrendes Auto. Um eine Struktur zu schaffen und eine Bewegung. Ein Prinzip, das Heise auch in anderen Stücken anwendet. Das Fleischkombinat mit den Todesschreien der Tiere im Hintergrund bietet eine weitere prägnante Atmo, die allerdings nur als Begleitgeräusch in den jeweiligen O-Tönen vorkommt.
(Fußnote: In „Widerstand und Anpassung“, einem späteren Stück Heises, gibt es beispielsweise ebenfalls diese Geräuschebene, die das Stück voranbringen soll. Parallel zu Erwin Geschonnecks Erzählung aus dem KZ ist zu hören, wie im Hintergrund ein Güterzug Wagen für Wagen aneinander gekoppelt wird – und schließlich davon fährt. Auch hier mit dem Ziel der Rhytmisierung der Erzählung und einer klaren Bewegungsausrichtung.)

Thomas Heise über den Einsatz von Geräuschen.

Und zu Besonderheiten der Sprechweise.

Heise begleitet Jonas‘ „Wiedereingliederung“ nach dem Knast. Mit seinem Wunsch nach einer echten Perspektive für sein Leben eckt Jonas bei allen Institutionen an, die für seine Rückführung in Arbeit und ins Volkskollektiv zuständig sind. Schnell wird klar: Das wird nichts. Seine frühere Sachbearbeiterin bei der Jugendhilfe stellt fest: „Er hat unter den Zuständen zuhause gelitten. Aber er konnte die Eltern nicht ändern. Und am Ende ist er genau so geworden“. Nicht nur Jonas‘ Vater pendelt schließlich zwischen Knast und Verwahrlosung zuhause. Sondern jetzt auch Jonas. Und wie sich im Feature schon abzeichnet auch Jonas‘ jüngerer Bruder Ralf. Mit beiden bleibt Heise auch noch in Kontakt, als die Arbeit am Feature längst ruht. Seine Erzählung schließt Heise mit den Worten: „6 Jahre später ist Jonas das 4. Mal drin und Ralf nach dem Jugendwerkhof das 2. Mal draußen und Vater zweier Kinder.“ Damit ist so gut wie alles gesagt.

Das Feature kreist nicht um die Schuldfrage, hat nicht den Gestus einer Anklage. Es liefert seltene Einblicke in den bürokratischen Apparat der DDR. Der durch den Protagonisten Jonas hinterfragt und herausgefordert wird. Seine Selbstbehauptung, die vor allem in den Dialogen stattfindet, ist ein zentrales Element der Erzählung. Und eine Besonderheit der Features und Dokumentarfilme von Thomas Heise. Und so fängt er in einem lichten Moment ein Zitat von Jonas ein, das auch als Motto über dem gesamten Stück stehen könnte: „Was mich stört, ist dass die, bei denen alles gerade gelaufen ist, dass die mit Scheuklappen herumlaufen. Und sich gar nicht vorstellen können, dass andere Menschen etwas anderes denken oder wollen können.“
Ein grandioses Rundfunkdebüt also, auch dank der offenen Zugewandtheit und der z.T. abenteuerlichen Recherchen Heises. Das sein ursprüngliches Ziel, dem Autor eine zusätzliche Erwerbsmöglichkeit beim Rundfunk der DDR zu erschließen, leider komplett verfehlt hat. Es wurde mit dem Hinweis es sei „zu lang“ nicht zur Endfertigung freigegeben und erst 1990 in der Akademie der Künste uraufgeführt.

Heise über Beginn und Ende seiner Radiokarriere.

Als klar ist, dass die Produktion nicht fertiggestellt wird, klaut Heise die Bänder beim DDR-Rundfunk.

Wie alles weiterging: Heise über ein späteres Wiedersehen mit Jonas und seinem Bruder.

Gattungsfragen. Ist „Vorname Jonas“ nun ein Hörspiel oder ein Feature, Herr Heise?

Tanja Runow

Biografie

Thomas Heise, geboren 1955 in Berlin (DDR). Besuch der Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule 1961-1971. Lehre zum Facharbeiter für Drucktechnik 1971-1973. 18 Monate Wehrdienst, NVA Luftstreitkräfte Peenemünde 1974-1975. Regieassistent im DEFA Studio für Spielfilme 1975-1978. Abitur an der Volkshochschule 1976-1978. Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam Babelsberg 1978-1982 (abgebrochen im Ergebnis operativer Bearbeitung durch das MfS 1976-1988).
Seit 1982 freiberuflich Autor und Regisseur. Meisterschüler der Akademie der Künste 1987-1990 auf Initiative Heiner Müllers und Gerhard Scheumanns. Mitglied des Berliner Ensembles 1990-1997, fester Regiemitarbeiter Fritz Marquardts, div. eigene Inszenierungen. Seit 1997 wieder freiberuflich Autor und Regisseur für Film und Theater. Seit 2001 Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. Seit 2007 Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe

Ausgewählte Radioarbeiten

„Vorname Jonas“ 1983/1990 (53’30)
1983 nicht zur Endfertigung freigegeben.
Ursendung Januar 1990 im Berliner Rundfunk

„Widerstand und Anpassung – Überlebensstrategie“ 1987/1989 (54’00 bzw. 58’00)
Originaltonfeature für den Rundfunk der DDR, verboten bis Dezember 1989
Ursendung Dezember 1989 im Berliner Rundfunk

„Schweigendes Dorf“ 1985/1990/1992 (103’00)
(Szenarium für einen Dokumentarfilm, nicht zur Produktion freigegeben, als Theaterstück, dann als Hörspiel realisiert.) Rundfunkproduktion 1990 in eigener Regie an der Akademie der Künste (Ost). Ursendung Januar 1992 auf Deutschlandsender-Kultur

 

Stichwörter:

DDR; Erziehung; Kollektivzwang, Familie

 

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