Schnee auf Pflaumenblüte

Wir schreiben das Jahr 2022 und besuchen eine imaginäre Redaktionskonferenz. Die Köpfe rauchen: worum soll es in unserem nächsten Feature gehen? Kollege A ist dran an einem geplanten Agentenaustausch mit weitreichenden geopolitischen und emotionalen Verwicklungen. Kollegin B hat die Geschichte einer politischen Gefangenen, die dank Disziplin und Solidarität ihrer Isolationshaft überlebt hat. Team C hat jahrelang Transition Towns auf mehreren Kontinenten begleitet und kann in einem O-Ton-gesättigten internationalen Feature zeigen, wie die Verkehrswende gelingen kann. Welche story hat den stärksten Impact? Welche hat das Potenzial zu fesseln und mitzureißen? Welche trifft den Nerv der Zeit?
In diesem Moment bekommt unsere vorgestellte Runde Besuch aus der Vergangenheit – genauer gesagt aus dem Jahr 2004. Redakteurin E bittet um Entschuldigung, sie habe sich gerade am Telefon verquatscht mit Autor J, der in Japan lebt. Jedes Jahr sei er wieder aufs Neue fasziniert vom japanischen Frühling. Ob man darüber nicht mal ein Feature machen könne?

 

O-Ton Malte Jaspersen
Das entstand aus ‘nem Gespräch mit Barbara Entrup, für die ich damals beim rbb viele Stücke gemacht habe, und ich glaub, ich hab ihr vom Frühling vorgeschwärmt. Von der Sakura, der Kirschblüte und anderen … anderen Dingen und dann unterhielten wir uns länger drüber und daraus entstand dann die Idee, dieses Stück zu produzieren.
Der Grundgedanke für mich war jetzt kein kulturanthropologisches Stück zu machen, sondern das zu beschreiben, was bei mir in geringerer oder weiterer Entfernung vor der eigenen Haustür passiert. Denn ich lebe ja seit dreißig Jahren mittlerweile hier. Das ist also von daher kein Reisestück, sondern einfach ‘n Stück, in dem ich versuche auch mein Leben hier zu beschreiben.

Obwohl diese Redaktionskonferenz so nie stattgefunden hat, ist vieles an ihr real. Zum Beispiel, dass der Prozess der Annahme von Featurethemen auf sehr, sehr unterschiedliche Weise stattfinden kann. Real sind auch die Argumente, mit denen Redakteurin E vermutlich abgeschmettert werden würde. Real in dem Sinne, dass sie oft vorgebracht werden, und in dem Sinne, dass sie in vielen Fällen auch zutreffen. Sie lauten ungefähr:
Das Thema ist zu allgemein.
Das Thema ist zu harmlos.
Es enthält keine Konflikte. Daher ist abzusehen, dass es in rhapsodische Einzelteile zerfallen wird.
Es verführt zum Exotisieren und zum Japan-Kitsch.
Es ist ein Stoff für Bildungs-, Hausfrauen-, Pantoffelradio.

 

FRAGE: Wie vermeidest du, ins Klischee abzugleiten?
MJ: Ich glaube, indem ich versuche, erstmal nicht zu werten, einfach erstmal alles so aufzunehmen, wie es sich vor meinen Augen oder vor dem Mikrofon darstellt; das ist das erste. Und das zweite ist, dass ich auch jetzt nach diesen langen Jahren in Japan immer noch ‘n Ausländer bin und immer noch ‘n Gefühl der Fremdheit hab, was ich persönlich nicht negativ empfinde. Und diese Fremdheit beinhaltet auch ein Staunen oder Erstaunen oder Überraschungen. Und das waren oder sind Momente, die für mich sehr wichtig sind, weil sie halt mich persönlich berühren und über diese Situation kann ich etwas über die Gesellschaft erzählen.

Am Anfang einer Featurerecherche wird gesammelt. Was fällt in den Blick und wofür sind die Antennen offen? Manche von Malte Jaspersens O-Tönen und Erzählsträngen haben direkt mit dem „Thema“ japanischer Frühling zu tun. Die Erzählung von einer Bergwanderung zur Zeit der Schneeschmelze ganz am Anfang – quasi Goethes Osterspaziergang, nur im O-Ton und auf Japanisch. Der Brauch, symbolische Schwerthiebe von einem (Kostüm-)Teufel zu bekommen, die von Gier, Neid und Zorn befreien. Deutsche denken da vielleicht an vergleichbare Brauchtumskuriosa wie die Nubbelverbrennung beim Kölner Karneval. Und natürlich die Feste und Ausschweifungen anlässlich der Kirschblüte (auch in Deutschland sehr bekannt und Inbegriff des „Japanischen“) und der Pflaumenblüte (schon etwas weniger bekannt).
Andere Elemente haben so direkt gar nicht mit dem Frühling zu tun. Die Szene beim Finanzamt, wo der Steuerbeamte – aus frühlingshaften Übermut? – ein Auge zudrückt. Denn die jährliche Steuererklärung fällt in eben diese Frühlingszeit, in der viele Menschen auf einmal gute Laune haben. Oder der Verkäufer von Sexspielzeug, sehr lose angelehnt an die ebenfalls im Frühling stattfindende Feier der Fruchtbarkeit.
Dritte Elemente haben zwar Frühlingsbezug, doch die Art des Bezugs ist nicht die erwartete. Vielmehr ist sie launig und ausgelassen; derb, wo man Zartes vermutet hätte; laut, wo man Stilles im Gemüt hatte. Im Gartenklo weht der Wind nicht mehr so kalt an den Hintern – handfestes Frühlingssignal für eine Japanerin. Das meditativ-beschauliche Betrachten der Kirschblüte (Hanami), bekannt aus Funk, Spielfilm und Fernsehen, ist in Wahrheit ein lärmendes Volksfest mit viel Alkohol – und trotzdem anders als beim deutschen Schützenfest, wie Malte Jaspersen im Gespräch sagt. Da hat der Autor dann doch einen „Konflikt“ gefunden, nämlich den zwischen Erwartungen und Realität.
Ein vierter Strang schließlich: Sagen, Legenden, Poesie, Literatur, Lesefrüchte. In wie vielen Features wird das verwendet, um dünne O-Töne aufzupolstern oder sich die Suche nach ihnen gleich ganz zu ersparen. Wie oft wurden Zitate und Musiken, die sich nicht wehren können, missbraucht, um eine Kulisse des jeweils erzählten fernen Ortes herauf zu beschwören – Japan-Feeling aus der Konserve.

 

Wenn ich Besuch aus Deutschland bekomme, dann gibt es zwei Arten. Die einen haben bestimmte Vorstellungen und wollen diese Vorstellungen bestätigt haben. Und die anderen, zu denen ich auch gehörte, als ich das erstemal hier war, die sagten: ich hab keine Ahnung, was hier los ist, ich stell mich, blöd gesagt, erstmal an die Straßenecke und guck, was da passiert. Ohne zu werten. Und diese Haltung beinhaltet Cne Offenheit. Ich denke mal, man verstellt sich sehr stark den Blick, indem man sofort wertet. Und das merkt man eben auch bei Stücken. Also wenn Autorinnen und Autoren herkommen und sich Zeit lassen und offen sind für das, was ihnen begegnet, dann werden die Stücke anders.

Ich gestehe: dass dieses Feature zustande kam, halte ich für einen Glücksfall. Auf raffinierte Weise gelingt, dass alle soeben vorgebrachte Pantoffelargumente komplett ins Leere laufen. Und es war sogar eines dieser Bildungszitate, die mich endgültig für „Schnee auf Pflaumenblüte“ eingenommen haben.

In alten Zeiten hatte der Monat April viele Namen:
Schattenmonat
Monat der zurückgelassenen Blumen
Monat der makellosen Harmonie
Monat der von Versen hinterlassenen Spuren
Beruhigender Monat
Monat der sechs Gefühle
Monat der Deutzienblüte
Monat der reinen Sonne
Monat, in dem Vögeln Flügel wachsen

Wie kommt man zu solchen Vergleichen? Ich musste an ähnliche Listen aus dem Japan-Klassiker „Das Kopfkissenbuch der Sei Shonagon“ denken. Ein Zauber stellte sich ein, ein Zugang zum und Interesse am Feature, um den sich so viele Stücke vergeblich bemühen. Aber es war nicht einfach nur dieses Zitat. Es war auch seine akustische Inszenierung; wie es gesprochen und vertont war, wie in den Flow der Erzählung eingebettet. Die Nähe zu gleich zwei Kloszenen, darunter auch die „rotzfrechen Mädchen“ beim Kirschblütenfest, „die hinter mir an der gemischten und offenen Toilette warteten und mir, gerade als ich es am wenigsten vertragen konnte, ein paar gepfefferte Bemerkungen zuriefen“. Der Kontrast von Erhabenen, Alltäglichem und Ordinärem, in den Einzelbildern und auch auf der Makroebene, über die ganze Erzählung verteilt. Überhaupt der Flow, die Montagekunst par excellence. Hier passt der Andersche Begriff und beschreibt das Zusammenspiel von Autor/Regisseur Malte Jaspersen mit Toningenieur Peter Avar. Eine fein ziselierte Tuschezeichnung wurde nicht angefertigt, vielmehr wurde aus dem Vollen geschöpft, mit üppigem O-Ton-Personal, mit schönen Schauspielerstimmen, mit Sounds und Musik, oft mehrfach geschichtet, die die jeweilige Stimmung ausmalen und den Grundtenor des Ausgelassenen, Übermütigen, Befreiten und Beschwipsten (vom Sake, von der Musik, von der Geselligkeit und vom Frühling) immer wieder neu variieren. Wie viel hätte da schief gehen, wie schnell hätte das zu Kitsch werden können. Ist es aber nicht: weil alles, was geschildert wird, mit echten Erfahrungen und genauen (subjektiven) Beobachtungen hinterlegt ist. Weil hier mit so viel Liebe gearbeitet wurde: Liebe zum japanischen Frühling und den Menschen, die ihn erleben, erzählt aus der Halbdistanz des Zugereisten, und Liebe zum Radio, seinem Instrumentenkasten und seinen Möglichkeiten.

 

Wenn ich an einem Stück arbeite, dreht sich das immer irgendwo im Kopf mit. Und wenn ich dann eine Musik höre, wo auch immer das ist, ob das im Radio ist oder in ’ner Kneipe oder so, dann hab ich manchmal das Gefühl: oh. Die passt zusammen mit einer Szene, an der ich gerade sitze. Und das kann ich nicht erklären, das ist einfach so. Das Schöne am Feature, finde ich, ist, dass es so viele Möglichkeiten hat, dass es so offen ist, dass es so viele Ansätze gibt, die man verfolgen kann, und da muss ich sagen, da interessiert mich das Reinheitsgebot nicht. Also, entscheidend ist einfach, dass man der Wahrheit und nichts als der Wahrheit, Euer Ehren, verpflichtet bleibt.

Noch mal kurz zurück zu unserer imaginären Redaktionskonferenz. Diese Art Features sind seltener geworden. Das Feuilleton in der Zeitung hat sich ja auch verändert, ist von dem namensgebenden Beiblättchen zu einem Debattenort geworden. Analog dazu sind in der Unterhaltungskultur, auch der dokumentarischen, heute andere Stoffe gefragt; True Crime läuft besser als die Reisereportage. Übrigens sind solche Arbeiten auch in Malte Jaspersens Werk selten, in der Regel wendet er sich ernsteren Themen zu: jungen Menschen, die ihr Haus nicht mehr verlassen (Hikkokomori); getriebenen Arbeitern, die sich tot schuften (Saroshi); Japan nach der Fukushima-Katastrophe (Soutegai). Gerade aber weil das Stück etwas aus der Zeit gefallen ist, lohnt es sich, es heute wieder hervorzuholen. Wenn ein solches Feature gelingt, dass sich die Zeit nimmt, einfach nur mit teilnehmender Beobachtung die Schönheit des Frühlings zu erzählen, persönlich und ohne falsche Töne, und damit für eine Hörstunde anstecken kann – ist das nicht auch ein bisschen subversiv? Jedenfalls ist es unverwüstlich – so wie der japanische Frühling.

Ingo Kottkamp

Biografie

Malte Jaspersen, 1955 in Köln geboren. Jurastudium in Göttingen und Marburg. Nach dem 2. Juristischen Staatsexamen Arbeit als freier Theatermacher in Solo-, Duo- und Gruppenprojekten. Bis 1986 war er Mitglied der Gruppe „Drugie Studio Wroclawskie“ in Polen. 1989 Umzug nach Kyoto. Studium des No-Dramas und des No-Maskenschnitzens. Seitdem zahlreiche Features und Hörspiele für den deutschen Rundfunk, vornehmlich über japanische Themen. Daneben Audioinstallationen für Theater- und Kulturinstitutionen. 2014 wirkte er mit am Aufbau des Studienganges Medienkommunikation in Kyoto. Für „Souteigai − Japan und die Dreifachkatastrophe“ (DKultur 2012) erhielt er den Sonderpreis beim Prix Italia. Sein Hörbuch „Sushi – Vom Erlebnis, in Japan essen zu gehen“ wurde für den Deutschen Hörbuchpreis 2003 nominiert; seine Kyoto-Soundscape „Wassertropfen in der Schale“ und das Feature „Jishin – Gespaltene Erde, Beobachtungen im Erdbebenland Japan“ vertraten die ARD beim Prix Italia (Zweiter Platz).

 

Ausgewählte Radiostücke

„Wassertropfen in der Schale – Klänge der japanischen Stadt Kyoto“, RB 1994

„Galaxy Express 999 – japanische Mangas“, WDR 1998

„Slowly we bleed – Aspekte des Freitodes in Japan“, WDR 2003

„Jishin – Gespaltene Erde, Beobachtungen im Erdbebenland Japan“, rbb, Deutschlandradio Berlin, RB 2005

„Ich wollte mich in ein Nichts auflösen“, Deutschlandradio Kultur 2011

„Karoshi – Tod durch Überarbeitung in Japan“, SWR 2019

Voice of America

Über Ferdinand Kriwet ist viel geschrieben worden. Er ist ein Pionier der Multimediakunst und ein Protagonist des Neuen Hörspiels. Seine grafischen, plastischen und installativen Arbeiten waren wegweisend. Als Schriftsteller mit einem sehr erweiterten Textbegriff war er seiner Zeit voraus. Designerinnen, Hörspielmacher, Theatermenschen und Schreibende – alle können sich auf Kriwet berufen. Und nun melden sich auch noch wir zu Wort, wir vom Projekt Wirklichkeit im Radio mit seinem Fokus auf Features und Dokumentationen zum Hören.
War Kriwet denn ein Featureautor?
Nein – in dem Sinne, dass er nie von einer Featureredaktion beauftragt wurde und seine Radioarbeiten nie als Feature angekündigt worden sind. Sie wurden als Kunst rezipiert.
Jein – in dem Sinne, dass er umfassend und radikal mit dokumentarischen Material arbeitete, bloß nicht so wie konventionelle Featuremacher.
Ja – in dem Sinne, dass die Herangehensweise seiner Hörtexte für jede und jeden, der oder die dokumentarisch arbeitet, inspirierend und von Belang ist. Und das gilt besonders für Voice of America.

Es ist die Zeit der Ferien und der großen Hitze.

Eine touristisch für New York mörderische Zeit, während der jeder, dem es möglich ist, New York verlässt.

Und im Jahr 1969 die Zeit der Mondlandung, deren mediale Begleitung Kriwet in einem anderen Projekt erkundete. Diese Sätze stehen in Kriwet Einführung zu Voice of America bei der Ursendung 1970. Eine sehr aufschlussreiche und trotz ihres manchmal etwas steifen Tons auch sehr hörerzugewandte Beschreibung der Sendung und ihrer Entstehung. Es sind Sätze, die auch Teil eines Reisefeatures sein könnten. Die Featuregeschichte ist voll von Autorinnen und (häufiger) Autoren, die auf Reisen gehen und dem mutmaßlich zu Hause gebliebenen Publikum davon berichten. In die USA fuhren sie besonders gern und dort am liebsten nach New York. Die Dissertationsschrift zum Thema „Die New Yorke des Radiofeatures“ ist noch zu vergeben. Voice of America bekäme darin einen exzentrischen Platz, vielleicht zu Unrecht, denn wer kann schon sagen, wo die Mitte und der Rand sind. Jedenfalls interviewte Kriwet keine Minderheiten und gab keine Impressionen aus Manhattan zum Besten. Er ging ins Hotelzimmer und schaute Fernsehen.

Ausgangspunkt […] von VOICE OF AMERICA sind […] Tonbandmitschnitte amerikanischer Fernsehprogramme. Diese Aufnahmen entstanden vom 9. Juli bis 23. August 1969 in der Suite 829 des Fifth Avenue Hotels, […] New York […]. Während dieser Zeit hatte ich mir zwischen 8 und 4 Fernsehgeräte gemietet, sodass ich die Programme gleichzeitig miteinander vergleichen und mir die Sendungen oder Einstellungen aussuchen konnte, von denen ich besonders beeindruckt war und die mir typisch zu sein schienen für das amerikanische TV.

Dieser Perspektivwechsel ist so einfach wie schlagend. Wie komme ich der US-amerikanischen Wirklichkeit auf die Spur? Indem ich mich der Beschallung, Beflimmerung und Berieselung aussetze, der das ganze Land permanent ausgesetzt ist. Und zwar in einer Gründlichkeit, einer Art dokumentarischen Method Acting, die an spätere Selbstversuche wie Super Size Me von Morgan Spurlock (2004) oder Anderswelt. Ein Selbstversuch mit rechten Medien von Hans Demmel und Friedrich Küppersbusch (2021) erinnert. Dabei bescheidet sich Kriwet: nicht eine Analyse des US-amerikanischen Fernsehens will er geben, sondern den „Eindruck eines Eindrucks“: ein 35-minütiges Substrat dessen, was er bei seinem fünftägigen Dauerglotzen wahrgenommen, gehört und empfunden hat. Er tut dies, anders als die eben erwähnten Dokumentationen, ausschließlich mit dem aufgenommenen Material; die Rahmen- und Ich-Erzählung verlegt er in die Einführung. Radikale konzeptuelle Strenge – der Fernsehalltag früh morgens bis spät abends – und eine genauso radikale Subjektivität treffen hier aufeinander. Verbunden und angetrieben werden sie von einer manischen Akribie. Man kann, wie auch bei anderen Arbeiten Kriwets, fast nicht glauben, dass diese flirrenden Montagen lange vor der Einführung des Digitalschnitts gemacht worden sind. Hören wir in ein paar Stellen rein.

4’37–7’27

Tief ↔ mittelhoch, rauh ↔ sanft, aufgebracht ↔ beruhigend: zwei Voice Characters werden per Schnitt auf eine gemeinsame Hörbühne gebracht und streiten wie im Puppentheater um die akustische Vorherrschaft. Die eine gehört einer namenlosen Hausfrau, die eine Wutrede gegen steigende Preise hält: den „amerikanischen Habenichtsen“ und den „restlos Ausgepowerten“ ordnet Kriwet sie zu. Die andere singt eine Textzeile, die einem vielleicht als Ohrwurm hängenbleiben kann: „Into your life there will come friends.“ (Es ist Jackie Chain vom Vokalduo „Jackie and Roy“ und sie singen „Someone Singing“ von Donovan, aber das ist egal; es ist eben ein Lied, das gerade im Fernsehen läuft.) Kriwet lässt die zweite gewinnen und nennt ihr Songfragment „Durchhalteparole“. Die simple Wiederholungsschleife der immer gleichen Textzeile lässt er so lange stehen wie keinen anderen Ausschnitt. Er bildet damit seinen Eindruck ab, dass das Fernsehen vor allem einlullen und ruhigstellen will, und erzielt einen ähnlich hypnotischen Effekt wie 36 Jahre später der Hip-Hop Künstler J Dilla in seinem Album Donuts.

8’19–9’19

Am meisten scheint das Fernsehen zu sich selbst zu kommen, wenn es einfach nur sagt, dass es da ist. Die Collage von Sendernamen und akustischen Logos entwickelt den stärksten Groove und wirft den tiefsten Höranker. Will Kriwet das kritisieren, anprangern, offenlegen – oder auch feiern und sich und uns der Suggestion überlassen – oder einfach zeigen? Jedenfalls sind die Sounds da. So sehr, dass man meinen kann, die Collage sei nicht gemacht, sondern die Sounds hätten sich von selbst mit ihren Partnersounds verbunden.

21’05–23’58

Töten, sterben, zählen – eine Stretta aus Meldungen über Tote auf amerikanischer und vietnamesischer Seite im Vietnamkrieg. Die Nennung der Zahlen wird zur Manie, und je mehr Tote von den Fernsehstimmen aufgelistet werden, desto weniger fühlt man, dass es Menschen waren. Auf die vietnamesischen Toten folgt die Anpreisung von Chemiewaffen und danach eine Werbung für Insektenvernichtungsmittel.

25’18–26’19

Jetzt sind Börsenberichte dran, aber eigentlich findet hier das gleiche statt wie bei der Songschleife und der Collage von Senderkennungen. Die geläufigen Reporterstimmen potenzieren sich, indem sie miteinander reagieren; eine Suada entsteht, bei der es eigentlich egal ist, worum es geht.

31’53–34’15

„A statement by Senator Edward M. Kennedy“. Das Komplementärstück zur Reizüberflutung ist die salbungsvolle Rede. Ein Politiker wird persönlich und klingt dabei wie ein Pastor. Die rhetorisch abgemessenen Pausen haben einen ähnlichen Effekt wie die Pausenlosigkeit des vorher Gehörten.

In gewissen Sinne ist Voice of America ja ein rührendes Zeitdokument von vorgestern. Dass einer extra nach New York reist, um lineares Fernsehen aufzunehmen, gehört zur medialen Steinzeit. Auch der akustische Gestus von 1969, den er festgehalten hat, ist gealtert. Lieder, Ansprachen, Werbespots – alles klingt heute anders. Und doch fühlen sich Kriwets Stücke so viele Jahre nach ihrer Entstehung nicht nach Museum an, sondern modern und aufregend. Denn er hat sein Material nicht nur angeschaut und in paar beispielhaften O-Tönen gezeigt. Er ist förmlich hineingekrochen, hat sich vom Material bestrahlen lassen, und dieser starken Energie, mit dem das Material auf ihn einströmt, hat er mit seiner extrem aufwändigen Sortier-, Schnitt- und Montagetechnik eine ebenso starke Energie entgegengesetzt. Auf diese Weise konnte das Material reagieren, sich transformieren und in die Zukunft weisen. Denn im Kriwet-Sound, dafür lassen sich viele Beispiele finden, klingt an, was später kommt.

Ingo Kottkamp

Biografie

Ferdinand Kriwet, geboren 1942 in Düsseldorf, gestorben 2018 in Bremen, Schriftsteller und MixedMedia-Künstler. In den 1960er Jahren wurde er mit seinen innovativen Radioarbeiten, den „Seh- und Hörtexten“, bekannt. 1975 Karl-Sczuka-Preis für „Radioball“ (WDR 1975), 1983 Premios Ondas für „Radio“ (Studio akustische Kunst, WDR/Radio France/Sveriges Riksradio 1983).

Ausgewählte Radiostücke

„Offen (Hörtext 1)“, SWF 1962.
„Jaja (Hörtext 2)“, 1965.
„Reaktion (Hörtext 3)“, 1965.
„Oos is oos (Hörtext 4)“, SWF 1968.
„One Two Two (Hörtext 5)“, WDR/SFB 1968.
„Apollo Amerika (Hörtext 6)“, SWF/BR/WDR 1969.
„Voice of America (Hörtext 7)“, WDR/SWF 1970.
„Modell Fortuna (Hörtext 8)“, WDR 1972.
„Campaign (Hörtext 9)“, WDR/SFB/ORTF 1973.
„Ball (Hörtext 10)“, WDR/NDR 1974.
„Radioball (Hörtext 11)“, WDR 1975 (Karl-Sczuka-Preis).
„Zahl (Hörtext 12)“, BR 1976.
„Pause (Hörtext 13)“, WDR 1977. (Hörspiel des Monats Juni)
„Dschubi Dubi (Hörtext 14)“, HR/WDR 1977.
„Radioselbst (Hörtext 15)“, WDR 1979.
„Radio (Hörtext 16)“, WDR/Radio France/Sveriges Radio 1983. (Premios Ondas)
„Rotoradio“, Deutschladradio Kultur 2012 (Hörspiel des Monats Juli 2012).
„Radio-Revue (Hörtext 19)“, DKultur/WDR 2013.

 

Die Bidonvilles von Paris

Armut. Migration. Segregation. Elendstourismus. Strukturelle Gewalt. Bildungsferne Schichten. Prekäre Milieus. Hilfsorganisationen und deren Doppelbödigkeit. Folgen des Kolonialismus.  ̶  Wir sind im Paris der 60er Jahre. Zugleich sind wir bei drängenden Problemen unserer Gegenwart, in Europa und weltweit. Und der Autor, der sich ihrer annimmt, gilt als Vordenker von Queer Theory und Dekolonialisierung. Es gibt von ihm zahlreiche weitere Radiostücke über Afrika, Brasilien, Portugal, Griechenland; über Psychiatrie, synkretistische Religionen, Stricher, Zuhälter und Prostituierte. Dass er so viel für den Rundfunk gearbeitet hat, wissen viele gar nicht, denn bekannt ist er als Schriftsteller. Klar, dass wir von Wirklichkeit im Radio uns auf ihn gestürzt haben: den Poeten, Romancier, Ethnologen und Reisenden Hubert Fichte.

Das Stück wird bestellt, ein geeigneter Zeitraum zum konzentrierten Hören gefunden (immer eine Kunst für sich), und dann beginnt der Einstieg in die Radiowelt von Hubert Fichte. Mit einer Ernüchterung.

„Darf man hier auch irrationale Eindrücke äußern ?? Wie geht mir dieses besonders französisch ausgesprochene Französisch dieses Sprechers auf den Keks !!“ So äußert sich, in unserer Hör- und Kommentarliste, derjenige von uns vier, der am meisten für den O-Ton brennt. Ja, es geht um Odette, die vier Liter Wein am Tag trinkt, und um André B., der in den Ferien eines der Armenlager leitet. Aber hören können wir nur – den Sprecher, der den Text über sie liest. Es ist ihm nichts vorzuwerfen. Man kann das überprüfen, denn der komplette Text ist abgedruckt in Fichtes Buch „Alte Welt“, Band fünf seines Groß- und Lebenswerkes „Die Geschichte der Empfindlichkeit“. Hätte man diesen Text so ganz anders inszenieren können? Jedenfalls – die Magie der einzelnen Stimme, wie auf dieser Webseite anderswo anhand von Ernst Schnabel oder Horst Krüger beschrieben, stellt sich hier nicht ein. Der Studioton schafft Distanz. Als Hörer muss ich die erstmal überwinden und mich aktiv entscheiden, mich auf diesen Text einzulassen. Aber dann!

Bidonvilles – wörtlich etwa: Kanister- oder Fässerstadt – Wellblechsiedlung – Armen-, Elendsquartier – Slum – Favela – die Benennung trifft jeweils eine Vorentscheidung über die Einschätzung. Hier war Hubert Fichte im November und Dezember 1966, konkret in den Pariser Vororten Nanterre und La Courneuve. Als 31-Jähriger. Es ist aber nicht seine erste Begegnung mit einer solchen Siedlung. 1954, damals war er 19, trampte er durch Frankreich und arbeitete eine Zeitlang in einem Lager, das zum Emmaus-Hilfswerk des französischen ‚Armenpriesters‘ Abbé Pierre gehörte. Lange Auszüge aus seinem damaligen Tagebuch fließen in das Feature ein. Hier hört man eine zweite Sprecherstimme. Er verfügt also über mindestens zwei Perspektiven, die des Beobachters/Reporters und die des zeitweilig selbst Agierenden. Diese Perspektiven erweitert er durch zahlreiche Stimmen – nennen wir sie ruhig O-Töne, denn etliche Gespräche mit Bewohnerinnen und Mitarbeitern der sozialen Einrichtungen sind im (mutmasslichen) Wortlaut wiedergegeben. Fichte fragt konkret und informiert, nach Lebensumständen, was wieviel kostet und wer wie viel verdient. Er findet dumpfe Ressentiments („wenn ich mir den Lagerleiter ansehe, scheint mir doch ein Geruch der Liquidation von seinen Gedanken auszugehen“, S. 97) ebenso wie Sätze abgebrühter Langzeithelfer („In einem Bidonville kommen nur Leute zusammen, die zum Subproletariat prädestiniert sind“, S. 121) und er hält dagegen („Kann diese Überlegung ein Alibi sein, hundertvierzigtausend Menschen in einem Zustand zu belassen, wie er keinem Tier in unserer Zivilisation zugemutet wird […]?“, S. 127). Seine Beobachtungen sind detailreich: Baulicher Zustand, hygienische Umstände, Alkoholkonsum. Die Emmaus-Bewegung des erwähnten Abbé Pierre ist Thema, der mit einem flammenden Appel gegen die Armut viel öffentliches Interesse und auch staatliche Hilfe erreichte. Abbé Pierre wird dennoch als zwiespältige Figur angedeutet, aber nicht abschließend beurteilt. Fichte arbeitet sich an rassistischen Vorurteilen gegen Immigranten ab und an der Behauptung, eine bestimmte Schicht sei für das prekäre Leben prädestiniert und damit letztlich selbst schuld an ihrem Elend. Gegen beides bezieht er klar Stellung, differenziert aber auch: bei migrantisch geprägten Siedlungen hält er fest, wie trotz ärmlicher Zusände auf Kleindung und Sauberkeit der Kinder geachtet werde; bei der Siedlung, in der er in den 50ern arbeitete und deren Bewohnerinnen und Bewohner seit Jahrhunderten in Frankreich leben, wirkt er erschöpft und resigniert, was die Beurteilung ihrer Perspektiven angeht: „Wer drückt die Empfindungen aus der Kinder, die ihre Entstehung dem Alkoholbedürfnis der Eltern verdanken, das umso leichter befriedigt werden kann, je mehr Kinderzulage sie erhalten?“ (S. 113)

Das alles ist 100% Feature: nah, kundig, intensiv, szenisch, vielschichtig, mehrperspektivisch, mit sprechenden Details. Der Text zeigt auch nicht wenige Ähnlichkeiten mit der Machart eines typischen Features aus Autorentext und O-Ton. Er ist aus vielen Einzelmodulen aufgebaut, die ohne vermittelnden Erzähltext montageartig aufeinanderfolgen. Er springt von Situation zu Situation, von Perspektive zu Perspektive, und die (verschriftlichten) O-Töne sind einfach da, ohne erzählerische Verbrämung, selbst die Anführungszeichen spart er sich. Das alles sind übrigens Techniken, die Fichte generell in seinen Texten verwendet, auch denen, die nicht fürs Radio bestimmt sind. Ebenfalls sehr ‚featuremäßig‘: Fichtes persönliche Haltung. Die zeigt sich in der häufigen, aber nicht aufdringlichen Thematisierung seiner eigenen Rolle:

„dieses Anbiedern im kamelhaargefütterten Mantel, dies verständnisvoll das richtige herzliche Wort im richtigen Augenblick sagen, den Kindern womöglich einen Bonbon zustecken und der tapferen Mutter fest die Hand drücken und den Eindruck hinterlassen des guten Onkels, der das Herz auf dem rechten Fleck hat. Ich will weg. Ich habe genug gesehen.“ (S. 121)

Die Haltung zeigt sich auch in der Rahmenhandlung, die noch mal einen eigenen Kommentar auf die These von der Prädestiniertheit der Mileus wirft. Während der Zeit seines Frankreich-Besuchs ist auch der sowjetische Ministerpräsident Kossygin im Land, und der – wiederum detailreich und plastisch geschilderte – höfische Pomp des Staatsbesuches mit Banketten, Jagden und stilvollen Kaminfeuergesprächen legt nahe: wer in dieser eleganten Parallelwelt lebt, ist dazu prädestiniert, den Leuten in den Bidonvilles niemals wirklich zu helfen.

Zwischenschnitt und eine kurze Befangenheitserklärung: wir vier von Wirklichkeit im Radio sind alle biassed, das kommt in unseren Texten immer wieder durch, wir leben mit dem und teilweise auch vom Feature, dieses Konzept „Radiofeature“ bedeutet uns etwas. Hubert Fichte sah das anders. Er hat eine raffinierte Form gefunden, seine Radioarbeiten komplett aus dem Radio herauszulösen und sie in sein schriftstellerisches Werk zu integrieren: eben mit der Geschichte der Empfindlichkeit. Literarisierung und Protokoll, Romane und Journalismus stehen darin in vielfältig verschlungener Wechselwirkung. Die gut 25 Seiten Featuremanuskript verändern sich durch das, was in dem dicken Band vor und nach ihnen steht. Der, der hier für den Sender auf Recherchereise geht, hat auch ein Privat- und Sexleben und zieht gegen Kollegen aus dem Literaturbetrieb vom Leder – es gehört alles zusammen. Das geht so weit, dass er stellenweise gegen seine Tätigkeit als Featureautor anschreibt. Zum Beispiel schildert er, etwa siebzig Seiten vor den Bidonvilles, eine Einweihungsparty im Hamburger Künstler- und Literaturmilieu, bei der Fichtes Alter Ego Jäcki für ein Rundfunkfeature angeworben werden soll. Er will aber (zunächst) nicht. Und gibt dabei zum Besten, was er von dieser Form hält und denen, die sie betreiben. Hier ein paar Kostproben – Hubert Fichte/Jäcki über das Feature:

– Fahren Sie für uns nach Griechenland, sagte Dr. Baechtli, und schreiben Sie ein Feature für unseren Weltatlas. Ich schreibe einen Roman, sagte Jäcki.
(S. 18)

– Ich kann kein Feature schreiben.
Ein Feature, das ist keine Kunst.
Ich schreibe Romane.
Die Palette.
[…]
Ein Feature, das gibt es gar nicht.
Das ist sowas wie das Interview oder das Hörspiel nach 45.
Eine pure Heuchelei:
Alte Nazis, die so tun, als seien sie realistische Amerikaner.
(S. 19)

Am Ende hat er’s dann doch gemacht. Nur des Geldes wegen, wie es der Text nahelegt, oder doch, weil es ihm einen weiteren Kanal für sein Projekt des Reisens, Forschens, Suchens gab? Knapp eineinhalb Jahrzehnte später sagte er, jetzt nocht als Jäcki, sondern als Hundert Fichte in einem NDR-Interview mit Peter Laemmle:

Also Feature finde ich sehr wichtig. Die Feature-Form, die ja nach 45 vor allem im Norddeutschen Rundfunk oder auch im Nordwestdeutschen Rundfunk mit den amerikanisch-journalistsichen Formen in das Nachkriegsdeutschland geschwemmt worden ist, hat mich ja sehr geprägt. Ich hab ja zum Teil Feature damals im Radio gesprochen, und Feature fand ich eine der großen modernen poetischen Formen. Und man könnte das überhaupt als Siegel meiner Arbeit bezeichnen.
(Zit. nach: Hubert Fichte, Hörwerke 1966-86, Hg. Robert Galitz, Kurt Kreiler und Martin Weinmann, Frankfurt a.M. 2006, 8)

Die Bidonvilles jedenfalls sind nach zwei Reisestücken über Griechenland sein drittes Feature (Bericht wird es genannt), es folgen zahlreiche weitere. In späteren Stücken spricht er öfter selbst. Es inszeniert oft sein Freund Peter Michel Ladiges, in einer hörspielartigen Manier mit langen, verfremdend eingesetzten Einspielungen klassischer Musik. O-Ton nutzt Fichte nur bei den rumpelig aufgenommenen, aber inhaltlich faszinierenden St.-Pauli-Gesprächen  ̶  das waren aber Arbeitsmitschnitte, die daraus resultierenden Werke waren Buchveröffentlichungen („Interviews aus dem Palais dAmour“, 1972 und „Wolli Indienfahrer“, 1978). Mit dem akustischen Feature, mit dem der SFB hervortrat – genau im Jahr der Bidonvilles wurden dort Peter Le0nhard Brauns „Hühner“ gesendet – hatte er nie irgendetwas am Hut. Akustische Tableaus, szenischer O-Ton, Atmo-Originaltonmontagen – null. Er agierte als Schriftsteller.

Exkurs: Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die auch fürs Radio arbeiten, aber keine genuinen Hörspiel- oder Featureautoren sind, wären eine eigene Untersuchung wert. Oft liefern sie einfach Texte, die eben von Sendeanstalten verbreitet (und vor allem bezahlt) werden. Manchmal aber kommen von ihnen nolens volens Impulse fürs Radio, die die Featurezunft spät und zögerlich wahr- und aufnimmt. Weit oben in einer solchen Untersuchung stände Rolf Dieter Brinkmann. Als der WDR ihm ein Mikrofon zur Verfügung stellte, betrieb er damit eine sonische Selbst-, Stadt- und Medienerkundung von einer Eindringlichkeit, die bis heute einflussreich ist. Fichte verließ wie erwähnt die Textebene fast nie. Und trotzdem hätten manche seiner Kollegen Features wie die Bidonvilles mit Gewinn lesen können. Denn sie treffen viel genauer ins Zentrum der sozialen Wirklichkeit als andere Reisefeatures aus der gleichen Zeit, die oft sehr feuilletonistisch ausfallen. Und in der späteren Arbeit „Gott ist ein Mathematiker“ gibt er mit profunder Kenntnis Positionen aus der westafrikanischen Psychiatrie wieder und verzichtet dabei völlig auf impressionistische Beschreibungen seiner Afrika-Eindrücke, die sich klassische Reisefeatureschreiber niemals hätten entgehen lassen. Kein Wunder: er war ja auch kein Afrika-Tourist, sondern hatte gemeinsam mit Leonore Mau mehrmals in psychiatrischen Einrichtungen im Senegal und in Togo gearbeitet. Auch das ist ein Zug in Hubert Fichtes Radioarbeit; er schrieb auch im Radio über Themen, die ihn sowieso über Jahre hinweg in Leben und Werk beschftigte. Es gab jüngst eine Ausstellung dazu, was Hubert Fichte in den von ihnen bereisten Ländern wollte und was die dort besuchten Menschen ihm antworten könnten oder wollen.

Und nicht zuletzt haben sich die Bidonvilles und die mit ihnen zusammenhängenden Fragen als Dauerthema erwiesen. 2008 schrieb der Autor Kurt Kreiler für den Deutschlandfunk ein Feature, das auf den Spuren Fichtes die Banlieues ein zweites Mal bereist. Inzwischen sind die Baracken Hochhäusern gewichen und man spricht von den ‚bidonvilles verticaux‘. Im Jahr 2021, in dem dieser Text geschrieben wird, sind nicht nur die Probleme dieser Vorstadtsiedlungen nicht gelöst. Eine Korrespondentin berichtet von einem Flüchtlingslager bei Dünkirchen, an dem ein Wasserhahn für 1800 Menschen zur Verfügung steht: das gleiche Detail wie bei Fichte, 55 Jahre später. Ein nochmaliges Update der Bidonvilles – mit den Fragen und Beobachtungen von Fichte im Gepäck, mit mehr akustischen Mitteln, mit noch prominenteren Stimmen derer, die dort leben – das wäre: Wirklichkeit im Radio, relevant, zeitgemäß, drängend. Denn die Wunde, die Fichte 1967 anspricht, ist auch 2021 noch nicht geschlossen.

Ingo Kottkamp

Der Text des Features ist abgedruckt in:
Hubert Fichte. Alte Welt. Glossen. Frankfurt a.M. 1992. Hg. Wolfgang von Wangenheim und Hubert Kay. [= Die Geschichte der Empfindlichkeit. Band V.] 91-127

Biographie

Hubert Fichte (1935–1986), geboren in Perleberg, wuchs in Hamburg auf, war Schauspieler, Schäfer, ab 1963 freier Schriftsteller. Mitglied der Gruppe 47 und des deutschen PEN. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Romane „Das Waisenhaus“ (1965), „Die Palette“ (1968) und „Versuch über die Pubertät“ (1974), die von ihm „ethnopoetisch“ benannten Reiseberichte „Xango“ (1976) und „Petersilie“ (1980) sowie die unvollendete mehrbändige „Geschichte der Empfindlichkeit“, die als Fichtes Hauptwerk gelten darf.

Ausgewählte Radiostücke

„Agadir. Bilder einer Stadt“, SWF 1968
„Djemma el Fna – der Platz der Gehenkten. Ein Reisebericht über Marrakeasch“, SWF 1971
„Gesprochene Architektur der Angst“, WDR 1973
„Der Zauberberg. Zur Entstehung einer neuen Religion in Venezuela“, SDR 1978
„Materialismus und Magie. Tagebuch der Revolution auf Grenada“, SFB 1979
„Afrika 80 – Gott ist ein Mathematiker. Gespräch über Medizin und Psychiatrie in Togo“, HR (?) 1979 (?)
„Wie man ein Voudou-Priester wird“, BR 1985
„Das Volk von Grenada“ zwei Teile, SDR 1986

 

Stichworte:

Armut, Banlieues, Wohnungspolitik, Einwanderungspolitik

 

 

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