Fred S. – Ich wurde immer kleiner

Dieses Stück geht auf die Initiative eines Dramaturgen vom Hessischen Rundfunk zurück. Christian Gebert , „ein sehr engagierter“, „der sehr viele Stücke zur damaligen Gegenwart, gemacht hat“ (Schmidt-Lauzemis, Quelle: Interview mit dem Autor am 4.5.2022). Als rein dokumentarische Radioarbeit entstand es in der Hörspielabteilung des HR.
Auf den ersten Blick wirkt es unspektakulär – zumindest aus heutiger Sicht: Man erahnt die Brisanz, die das Thema wohl damals hatte, das Stigma, die Scham (der Familienernährer fällt aus, hohe Arbeitslosenquote in den 1970ern, faktisch bekannt, erzählerisch noch kaum beleuchtet). Und hört: Ein reines O-Ton Feature, ganz ohne Autorentext, das die verschiedenen Sichtweisen der Familienmitglieder gegeneinander montiert (beide Eltern, zwei der drei Kinder) und chronlogisch fortschreitend die Geschehnisse seit Eintreten der Arbeitslosigkeit erzählen lässt. Dennoch waren wir vier Kurator*innen im Anschluss seltsam bewegt.
Zum einen liegt das sicherlich an den Protagonist*innen, die mit einer beeindruckenden Schonungslosigkeit auf das schauen, was ihnen da wiederfährt. Und die uns – die Hörer*innen – bereitwillig an ihrem Leben teilhaben lassen. Offen, vertrauensvoll, auch selbstkritisch. Und ohne die Gelegenheit zu nutzen, sich gegenseitig verbal zu zerfleischen – trotz allem, was sie sich im Zuge ihrer Krise schon angetan haben. Es ist die Dramatik der Ereignisse, die in halbherzigen Suizidversuchen kulminiert. Oder darin, dass die Mutter der Familie schließlich mit dem Küchenmesser auf Mann und Kinder losgeht. Es ist sicher auch die Stimme der Kinder, die dem allen ausgeliefert sind, die besonders berührt.
Aber es sind auch dramaturgische Entscheidungen, die zu dieser Wirkung beitragen. Eine „Dramaturgie der Zerstörung“, wie es in einem unserer Hörprotokolle hieß, scheint dem Stück zugrunde zu liegen. Nach und nach sind alle Lebensbereiche von den zerstörerischen „Nebenwirkungen“ der Arbeitslosigkeit betroffen: Freundschaft, Liebe, Sexualität, Familie, Schule. Darauf, so scheint es, liegt der Fokus. Nicht auf der Ausspielung der verschiedenen Perspektiven gegeneinander zum Beispiel. Schmidt-Lauzemis stimmt zu, dass er gezielt auf solch eine „Dramaturgie der Zerstörung“ gesetzt hat: „Die erzeugt ja eine gewisse Dramatik, von der aus man dann wieder aufbauen kann. Das war schon meine Überlegung“. „Wir haben ja gesprochen über das positive Ende. Dahin kommt man ja nur, wenn man vorher auch diesen großen Fall hatte“.
Das positive Ende war Schmidt-Lauzemis tatsächlich wichtig. „Fred S.“ endet mit dem Eindruck einer Stabilisierung der Lage: Der Mann ist in psychologischer Behandlung, die Frau verdient, Versöhnung steht im Raum. Tatsächlich, stellt sich im Interview mit dem Autor heraus: Die Familie hat sich ein Jahr nach den Aufnahmen getrennt. „Die Verletzungen waren einfach zu groß“. Hätte er denn weitergemacht, wenn er gewusst hätte, welchen Ausgang die Geschichte tatsächlich noch nimmt? „Ich konnte das nicht erahnen. Aber es war mir schon auch wichtig, dass es zu diesem scheinbar guten Ende kommt.“
Für mich ist dieses Stück eine Lektion in mindestens zweierlei Hinsicht: Es erzählt eine große und – auch gesellschaftlich – relevante Geschichte, die sich zunächst hinter einer eher unspektakulären Statistik verbirgt. Dramatik und auch Tragik offenbaren sich in einem scheinbar alltäglichen Setting. Hinschauen im Nahbereich, das ist hier für mich das Thema. Auch führt das „Hörstück“ (wie es in der Ansage heißt) vor, wie man allein mit gesprochenem Wort eine packende Geschichte entwickeln kann – ohne szenische Elemente, ohne Atmos, ohne Musik oder Autor*innentext. Kein Gestaltungswille, der sich in den Vordergrund drängt und den Blick auf die Protagonisten verstellt. Der Autor, auch das ist eine Kunst, scheint tatsächlich hinter ihnen zu verschwinden (natürlich eine Illusion- aber es ist sympathisch – und wirkungsvoll!). Man hätte dramaturgisch auch andere, vielleicht raffiniertere, Wege einschlagen können. So aber gibt es einen Fokus, der klar gewählt ist – und deshalb, meine ich, überzeugend.
Was das Stück aber auch lehrt, ist Vorsicht und Respekt gegenüber den eigenen Mitteln. Denn was auf dem Weg zwischen aufgezeichneten Gesprächen und fertigem Feature passiert, ist für die Beteiligten oft gar nicht absehbar. So auch in diesem Fall. Schmidt-Lauzemis: „Man kann es sich auch nicht vorstellen. Ich habe 20 Stunden Aufnahmen denke ich, so ungefähr. Das kannst Du Dir nicht vorstellen, wenn Du das Material komprimierst, was da an Dramatik entstehen kann“. Die Familie reagierte dann auch schockiert auf die Ausstrahlung. „Das Problem war dann: Die Familie hat das ja dann im Radio gehört. Und nicht nur die Familie. Die haben es natürlich auch in der Nachbarschaft und ihrer Familie gehört, dass sie im Radio kommen. Und sie waren danach doch etwas erschüttert über das, was dort über sie zu hören war. Das kann man sich ja auch vorstellen! Sie waren sehr mitgenommen. Weil ihnen in dieser Komprimierung auch nochmal klar geworden ist, was sie in diesem Jahr eigentlich alles erlebt haben. Sie fanden es eigentlich alles ok. Aber haben nicht geahnt, dass es so aufrührend sein würde für sie, ihre Freunde, Verwandtschaft usw.“ Die Komprimierung – aber auch die erwähnte Dramatisierung des Materials auf den gwünschten Effekt hin – hinterlassen natürlich ihre Spuren. Was vorher einzelne Erlebnisse und Anekdoten waren bekommt eine Form, eine Richtung – und eine der Story dienliche Dramatik. Es ist nicht auszuschließen, dass sich das Feature – neben seinen großen aufklärerischen Verdiensten – zusätzlich negativ auf die Situation der Familie ausgewirkt hat. (Schmidt-Lauzemis erwähnt allerdings auch Freunde, die sich – nachdem sie die tatsächliche Lage erkannten – der Familie wieder zugewandt haben). Der Autor erklärt, auf diese Erfahrung hin, bei späteren Arbeiten vorab den Protagonisten die Stücke dann manchmal vorgespielt zu haben, damit es nicht noch einmal zu dieser Situation kommt. Für den Hintergrund ist vielleicht interessant zu wissen, dass es schon vor den Aufnahmen ein Vertrauensverhältnis zu dieser Familie gab, die Kinder gingen bei der Frau des Autors, einer Grundschullehrerin, in die Klasse, was vielleicht zu der großen Offenheit mit beigetragen hat. Der Kontakt zu einem der Söhne der Familie bestand noch viele Jahre lang weiter.
Als wir das Stück in der Gruppe zum ersten Mal hörten, hatte es uns gewundert, dass nur der Familienvater, also „Fred S.“, im Titel auftaucht. Nachdem es doch inhaltlich die ganze Familie in den Blick nimmt und die Perspektiven der verschiedenen Familienmitglieder sehr gleichberechtigt Gehör finden. Dazu Schmidt-Lauzemis: „Im Stück ist der Fokus ja nicht nur auf Fred, sondern nur im Titel. Tut mir leid! Ich fand diese Aussage von ihm: ‚Ich wurde immer kleiner…‘ – damals war ja alles auch sehr frauenbewegt und so – da fand ich das ganz passend. Weil sie sich ja auch ein Stück weit emanzipiert durch diese Entwicklung.“ Tatsächlich, muss man wohl sagen, bringt der Titel die Selbstwahrnehmung von Fred S. auf den Punkt.
Die Resonanz damals beschreibt Schmidt-Lauzemis als sehr umfangreich und positiv. Es habe viele Hörerzuschriften gegeben. Schließlich kam sogar ein Verlag auf den Autor zu. 1979 erschienen im Oberbaumverlag die Gesprächsprotokolle in Buchform: „Fred S. – Ich wurde immer kleiner. Die Familie eines Arbeitslosen erzählt. Aufgeschrieben von Karl-Heinz Schmidt-Lauzemis. Nachwort Ali Wacker“. Er enthält persönliche Fotos der Familie von Fred S., aber auch Berichte von anderen Arbeitslosen und einen Essay über die soziale Ungleichheit in verschiedenen Berliner Stadtbezirken. Außerdem erschien 1980 eine Tonkassette im Pappschuber für den Einsatz im Schulunterricht.
„Fred S.“ reiht sich ein in ein Werk, in dem soziale Fragen grundsätzlich eine große Rolle spielen. Und das von der Zurückhaltung des Autors geprägt ist. „Fred S.“ nimmt darin, auch in den Augen des Autors selbst, einen besonderen Platz ein:
„Es war schon etwas Besonderes. Es passte alles zusammen: Die Familie, die ich kennengelernt habe, die Entwicklung, was für mich nicht vorhersehbar war in dieser Weise. Die Freiheiten, die ich dann hatte, das zu gestalten. Dadurch, dass ich die Regie auch selber machen konnte, ist das sozusagen mein Kind. Im Gegensatz zu den Drehbüchern, die ich geschrieben habe, da sprechen dann die Regisseure und die Produzenten mit. Das ist mein Kind!“

Tanja Runow

Biographie

Geboren 1947 in Chemnitz. Featuremacher und Drehbuchautor. Autodidakt. Studierte Volkswirtschaft und arbeitete ab 1970 als Systemanalytiker bei IBM. 1973 entstand sein erstes Hörspiel „Abschiedsbrief konnte nicht gefunden werden“. Seit 1974 ist er freiberuflicher Autor. In diesem Jahr gründete er auch mit anderen die Künstlerinitiative Kulturplatz Dammweg.
Schmidt-Lauzemis über seinen Weg zum Radio:
„Mein Vater hatte ein Tonbandgerät, da hab ich immer schon gern dran rumgespielt als Kind. Hab Sachen kopiert von einem Gerät auf das andere, probiert, wie sich das anhört. Ich mochte das immer. Das war etwas, was ich auch selber in der Hand behalten konnte. Anders als beim Film, wo Du so viel abgibst. Es war mir später beim Hörspiel und Feature ganz wichtig, dass ich fast immer – bis auf ganz wenige Ausnahmen – auch die Regie machen konnte.“
Und zu den Anfängen als selbständiger Autor:
„Ich hatte fünf Jahre vorher bei IBM als Systemanalytiker gearbeitet. Es war nicht mein Leben – am Ernst Reuter Platz war das damals – bis zur Rente dort zu verbringen.“
„Ich hatte viel Geld gespart. Bin dann mit einem Freund für ein Jahr in die Türkei gegangen und wir haben versucht, selbst Reportagen zu machen und zu schneiden. Uns interessierte damals, was machen die Türken wenn sie zurückkommen, nachdem sie hier gearbeitet haben. Das war 1974. Da war das noch nicht so ein großes Thema. Dann haben wir Volksmusik aufgenommen, Hochzeiten, solche Sachen. Die Reportagen haben wir an den SFB verkauft. Sind hergeflogen, haben die hier geschnitten und sind wieder zurück. Aufgenommen haben wir auf Band, ein Kassettengerät war auch dabei. Ich hatte genug Geld verdient, um drei Jahre zu überleben. Nach dem Jahr in der Türkei sind wir gemeinsam nach Bremen und haben dort eine große Kommune/Wohngemeinschaft aufgemacht mit Künstlern aus ganz verschiedenen Richtungen (Fotografen, Maler, Schriftsteller) haben dort zusammengelebt und gemeinsam Projekte gemacht. Da sind auch Hörspiele entstanden – oder Features. So hab ich da Fuß fassen können erstmal.“
Neben zahlreichen Features, die z.T. in Hörspielabteilungen entstanden, verfasste er Drehbücher u. a. zu dem Fernsehfilm „Und plötzlich bist du draußen“ und mehreren Episoden der Serien „Verbotene Liebe“, „Löwenzahn“ und „Dr. Sommerfeld – Neues vom Bülowbogen“ und die Bücher „Ich war kein Held: Leben in der DDR: Protokolle“ (mit Ralph Oehme) und „Hinter den Wolken ist der Himmel blau – Beatrice Trixie Hübschmann“ (2013). Er ist Mitglied in der Vereinigung deutschsprachiger Biographinnen und Biographen und betreibt mit Kollegen den Biographie-Service: dokuVitae – erzähltes Leben.

Ausgewählte Radiostücke

„Abschiedsbrief konnte nicht gefunden werden“
mit Werner Sünkenberg
RIAS 1974

„LL-Lebenslänglich“
mit Werner Sünkenberg und Ingo Golembiewski
WDR/RIAS 1976

„Anja – oder was tun“
mit Werner Sünkenberg
Hessischer Rundfunk 1977

„Stille Helden siegen selten“
mit Ralph Oehme
HR/SFB/Sachensradio 1990. Mehr …
Die Produktion erhielt 1990 den Hörspielpreis der Kriegsblinden

„Licht aus – und Küssen“
mit Bert Schrickel
Deutschlandradio Berlin 1993

 

Stichwörter:

Arbeitslosigkeit; Armut; Familie; Erziehung

Jagdszenen aus Unterfranken

„Das Schlimmste scheint vorbei. Einer liegt auf dem Friedhof, der andere sitzt im Gefängnis.“ Das sind die ersten zwei Sätze mit den bedrohlichen Wörtern: Friedhof und Gefängnis. Zuallererst aber hört man ein paar Sekunden lang das gemütliche Tuckern eines Traktors, der unter der Stimme noch ein bisschen weitertuckert. Und nach 10 Sekunden ist klar: Wir sind auf dem Dorf. Hier ist etwas Schlimmes passiert.

Sibylle Tamin erzählt nicht chronologisch. Sie fängt nicht am Anfang an, denn wo ist schon der Anfang einer so verwickelten, von Schweigen umhüllten und außerdem Jahrzehnte zurückreichenden Geschichte. Sie beginnt mit dem Tag nach dem Gerichtsurteil, als die Bewohner des fränkischen Dorfes Eschenau sich in Feindschaft gegenüberstehen, unversöhnlich, in einer „Kampfpause“. Die Mehrheit der 192 Einwohner akzeptiert den Schuldspruch des Gerichts nicht. Sie akzeptierte schon die Klage nicht. Die Klägerinnen erst recht nicht. „Wenn ihrs Maul gehalten hättet, wär der ganze Schlamassel nicht passiert“. Die Ruhe trügt also. Gar nichts ist vorbei.

Vor dem „Schlamassel“ war Eschenau ein schönes Dorf mit einer schönen Dorfgemeinschaft und dem vielleicht schönsten Dorffest der ganzen Gegend. Das alles ist jetzt kaputt, sagt die eine Seite. Das alles war die Hölle, sagen einige inzwischen erwachsene Frauen, die in dieser schönen Dorfgemeinschaft als Kinder über Jahre missbraucht und vergewaltigt wurden.

Das Dorf, dessen Schönheit die Erzählerin wunderbar beschreiben kann, hat einen musikalischen Protagonisten, eingesetzt durch die Regisseurin Margot Litten. Gleich nach dem Titel und dann immer wieder nach einer Zäsur ertönt lustige Volksmusik, die uns durch das Stück begleiten wird, deren Charakter sich allerdings im Verlauf des Hörens erheblich ändert. Hier beim ersten Mal tritt sie als Tanzmusik auf – mundartlich im Gesang und fröhlich im Klang. Irgendwann verwandelt sich der emotionale Assoziationshorizont, die Musik klingt böse, sarkastisch, haut rein in die Geschichte. Irgendwann weiß man einfach zu viel, als dass man der Fröhlichkeit noch trauen könnte.

Auslöser ist der Besuch der „alten“ Dame
Im März 2007 reist Heidi Marks mit ihrem amerikanischen Ehemann aus den USA für ein paar Wochen in das fränkische Dorf Eschenau, in dem sie aufgewachsen ist. Sie besucht ihre Familie und feiert ihren 50. Geburtstag, die Reise ist ein Geschenk. Es wird ein schönes Fest. Gegen Ende der vier Wochen sitzt sie im kleinen Kreis in der Dorfkneipe, man redet über dies und das, zum Beispiel über Chicago, über Gewalt und Verbrechen in der Welt, was alles so in den Zeitungen steht über Raub, Mord und Vergewaltigungen, und mit einem Mal sagt die Wirtin: Vergewaltigungen gibt es auch bei uns hier im Dorf. Es ist der Kipp-Punkt der Geschichte. Am Kneipentisch wird es still und Heidi Marks, die mit 15 Jahren das Dorf verlassen hat, bricht in Tränen aus und erzählt ihre Leidensgeschichte.

Mit vier Jahren wird sie zum ersten Mal vom Sohn der Nachbarin in ein Versteck gelockt, muss ihn oral befriedigen. Wenn sie etwas sagen würde, dann würde ihr keiner glauben, die Eltern würden sie weggeben, in ein Heim stecken, sie hätten ja schon ein neues Kind – die gerade geborene Schwester. Mit zehn Jahren wird Heidi Marks von einem anderen Mann aus dem Dorf vergewaltigt. Er sagt, sie solle den Mund halten, sonst würde ihre ganze Familie aus dem Dorf vertrieben. Der Missbrauch setzt sich über Jahre fort und über all die Jahre schweigt Heidi Marks aus Scham und aus Angst um sich und ihre Familie. Mit 15 Jahren verlässt sie das Dorf.

Dass sie nicht alleine war, dass die beiden Männer auch andere Mädchen im Dorf missbrauchten, dass einige sich ihrer Familie anvertrauten, dass es interne Regelungen und Abmachungen gab, dass also sehr wohl einige Erwachsene etwas wussten, dass aber alles unter dem Deckel einer verschwiegenen Gemeinschaft gehalten wurde, das alles wusste Heidi Marks nicht – bis zu diesem Augenblick in der Dorfkneipe, als sie außerdem erfuhr, dass der jüngste Vorfall nur kurze Zeit zurücklag. Sie will dem Treiben ein Ende setzen, geht zur Polizei und erstattet Anzeige. Andere betroffene Frauen aus dem Dorf tun das ebenfalls.

Das Dorf ergreift öffentlich Partei
Dann beginnen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Es gibt Unruhe und Getuschel im Dorf. Das Dorffest steht bevor, einer der Höhepunkte des Jahres, eine schöne Mischung von Geselligkeit und Gemeinschaft. Vom Erlös haben sie zum Beispiel den Brunnen gebaut. Dieses Mal soll das Pfarrhaus ein neues Tor bekommen. Aber auf der vorbereitenden Versammlung stehen drei Männer auf und stellen den Antrag das Dorffest abzusagen. Man könne doch nicht feiern, wenn zur selben Zeit wegen Vergewaltigung im Dorf ermittelt wird. Zum ersten Mal wird die Angelegenheit öffentlich, aber zu einer Aussprache kommt es nicht. Nur die Pfarrerin sagt, das sei doch alles nicht so schlimm, das komme überall mal vor, und außerdem brauche das Pfarrhaus dringend ein neues Tor.

An Himmelfahrt erhängt sich einer der beiden Männer, gegen die ermittelt wird. Es ist der Großbauer. Er hinterlässt einen Brief, in dem er die ihm zur Last gelegten Taten bestreitet. Das ist der Augenblick, in dem das Dorf öffentlich Partei ergreift. Die Mehrheit will nicht glauben, dass dieser angesehene Mann – einflussreich im Bauernverband, im Jagdverein, bei der Feuerwehr und Schöffe vor Gericht – ein Vergewaltiger sein soll. Die Stimmung wird feindselig und richtet sich gegen die Opfer. Die Anschuldigungen seien frei erfunden, ein später Komplott aufgrund mangelnder Anerkennung, aus Neid oder Rachsucht entstandene Lügen, dem feministischen und männerfeindlichen Zeitgeist geschuldet. Man dürfe nicht so lange schweigen und dann plötzlich Anzeige erstatten. Die Frauen hätten einen ehrenwerten Mann in den Tod getrieben.

In der Sache kann wegen des Selbstmords nichts mehr geklärt werden. Die Ermittlungen gegen den Bauern werden eingestellt, seine Akte wird geschlossen, eine Anklage gegen Tote gibt es nicht. Zur Beerdigung kommt das ganze Dorf, auch viele aus den Nachbarorten, es wird ein Riesenereignis. Nur die Familien der Frauen sind nicht dabei, denn die Pfarrerin lässt ihnen ausrichten, sie seien nicht erwünscht.

Im Oktober 2007 kommt es zum Prozess gegen den zweiten Mann. Viele der Taten sind verjährt. Das Gericht verhandelt über vier Fälle. Es hält die Aussagen der Opfer für glaubwürdig und verurteilt den Täter zu viereinhalb Jahren Gefängnis.

Die Kunst der indirekten Rede
Die Autorin hat das Dorf ein Jahr lang immer wieder besucht. Wohnte im Gasthof und versuchte vergeblich über die Frontlinien hinweg Kontakt zu den verschiedenen Parteien aufzunehmen. Der verurteilte Mann im Gefängnis wollte nicht mit ihr sprechen. In Eschenau verriegelte man die Türen und hetzte die Hunde auf sie. Selbst die Familien der Opfer wollten sich nicht äußern, auf keinen Fall vor dem Mikrofon und wenn überhaupt, dann nur hinter vorgzogenen Vorhängen. An ein klassisches Original-Ton-Feature war unter diesen Umständen nicht zu denken. „Jagdszenen aus Unterfranken“ enthält zwar verschiedene O-Ton-Statements, einige längere Passagen, viele kurze, manchmal sehr kurze Sätze. Aber die starke Wirkung der Geschichte rührt vor allem von der Erzählkraft der Autorin, von der dramaturgisch dichten Komposition der Geschichte, die mit Rückblenden und Nachfragen die Zerstörung einer Idylle beschreibt oder, vom Ende her gesehen, den Abgrund unter der schönen Oberfläche.

Dabei entfaltet die Autorin eine spezielle Kunst der indirekten Rede, mit der sie dicht am Gesprochenen bleibt und sich gleichzeitig distanziert. Hat man beim Hören die Schwelle überwunden, die das leicht Akademische der indirekten Rede aufbaut, gerät man mühelos in den Sog der Erzählerin. Sie folgt geschmeidig dem erinnerten Wortlaut all der heiklen, hinter vorgehaltener Hand, manchmal im dunklen Zimmer oder am Telefon stattgefundenen Gespräche und baut sie ins Beziehungsgeflecht des Dorfes ein. Sie gibt all die gebrüllten oder geflüsterten Drohungen wieder, die öffentliche und dennoch üble Nachrede, all die Sprüche und Redeweisen, die nicht notiert werden konnten, schon gar nicht „on the record“. Durch den Modus der indirekten Rede entsteht so etwas wie ein grammatisch gebrochener O-Ton, gleichzeitig prägnant und schwebend, wirklichkeitsgesättigt und artifiziell, irgendetwas zwischen detaillierter Reportage und Psychogramm eines Dorfes.

Geht es um Heidi Marks oder das Dorf Eschenau?
Am Telefon im Oktober 2021 frage ich Sibylle Tamin, ob denn „Jagdszenen in Unterfranken“ eher eine Geschichte über Heidi Marks oder über das Dorf Eschenau ist. Sie sagt, dass es ihr vor allem um die Strukturen im Dorf gegangen sei, die solche grausamen Taten möglich machten, um diese archaische Ungleichheit von Einfluss und Macht. Die quasi feudalen Verhältnisse, in denen die Tatsache, wer am längsten im Ort ansässig ist und wer den größten Landbesitz hat, darüber entscheidet, wer das Sagen hat und wer das Maul halten muss. Oder, wie es im Skript steht: „Konflikte zu lösen hat das Dorf nicht gelernt. Konflikte bleiben über Generationen oder lösen sich von selbst … Das Dorf denkt kollektiv. Das Private hat in der Dorfgemeinschaft keinen Platz. Wer persönliche Probleme in die Öffentlichkeit des Dorfes trägt, stiftet Unfrieden. Wer Unfrieden stiftet, muss gehen.“

Heute, da waren wir uns einig, wird das Stück vermutlich anders gehört als im Jahr 2008. Unser Sensorium hat sich verändert denn wir wissen mehr über mächtige Institutionen, die ihr Ansehen nicht beschmutzen wollen. Die Struktur von Machthierarchien und der Missbrauch von Individuen, die dieser Macht ausgeliefert sind, gehören unbedingt zusammen, sind zwei Seiten derselben Medaille. Vielleicht war das Stück ja seiner Zeit voraus, eine Art Wetterleuchten vor diesem Jahrzehnt der Enthüllungen in Schulen, Internaten, Kirchen, Familien, Heimen und Vereinen. Aber vielleicht – das fiel mir erst nach dem Telefongespräch ein – zeigt sich die Qualität eines Stückes auch daran, dass es eine Vielfalt von Aspekten enthält und dass es Aktualitäten (im Plural) gibt, die im Verlauf der Zeit und im Verlauf der Rezeption zu Tage treten.

„Für mich war der O-Ton mehr eine Fessel“
Man wird Heidi Marks nicht im O-Ton hören. Da spielt die Unterlassungsklage des Rechtsanwalts eine Rolle, den sich die Familie des toten Großbauern genommen hat. Da spielt auch eine geplante Buchveröffentlichung (siehe unten) eine Rolle. Unabhängig aber davon, was ein ausführliches Interview für die Konstruktion des Stückes bedeutet hätte und ob überhaupt die ganze Leidensgeschichte von Heidi Marks da hinein gepasst hätte, spricht Sibylle Tamin von ihrer Skepsis gegenüber dem Original-Ton: „Für mich war der O-Ton eher eine Fessel“. Ja, der O-Ton dokumentiere die Authentizität dessen, was da erzählt wird, und ja, er sei auch ein Ausweis für die Redlichkeit des Autors. Aber durch Auswahl, Bearbeitung und Schnitt sei die Beweiskraft doch deutlich eingeschränkt, der O-Ton spiegele ja nicht das reale Gespräch eines Interviews wider. Dazu sei das manipulative Moment durch Schnitt und Montage viel zu groß. Sie jedenfalls erhebe nicht den Anspruch, die reine Objektivität zu vermitteln, sondern ihr gehe es um einen sehr persönlichen Blick, der das, was er erfahren hat ins Erzählerische transponiert.

Dass der O-Ton mehr sein kann als nur der Beweis der Redlichkeit eines Autors, dass er nichtsprachliche und emotionale Signale aussendet, die auch der beste Text nicht so einfach ersetzen kann, das deutet Sibylle Tamin in ihrem Hinweis auf die letzten Minuten des Stücks mit den Eltern von Heidi Marks an. Das sei eine Ausnahme. Ein Jahr habe es gedauert, bis die Eltern ihr die Tür geöffnet und mit ihr gesprochen hätten und hier am Ende des Stücks entfalte der Originalton seine Stärke. Es ist eine von Bitterkeit und Traurigkeit getränkte Lebensbilanz, in der sich die Eltern eingestehen, dass die Kindheit ihrer ältesten Tochter ein Martyrium war, dass das trotzige und widerspenstige Kind ein gekränktes, verletztes, hilfloses, verängstigtes Opfer von Gewalt war. Dass all die damaligen Erklärungen an der Wahrheit vorbeigingen, dass sie ihrem Kind nicht geholfen haben, weil sie die Wirklichkeit nicht gesehen haben und dass sie jetzt in dem schönen Dorf, das ihre Heimat war, keinen Platz mehr haben. Es ist die schmerzhafte Demaskierung einer Täuschung. Eben genau das, was das Dorf verweigert. „Sollen sie in ihrem Sumpf ersticken. Ist mir gleich, ist mir egal, bin drüber weg.“

Marianne Weil

 

Ergänzender Hinweis

Im Frühjahr 2008 erscheint ein Buch von Heidi Marks mit dem Titel: „Als der Mann kam und mich mitnahm – Die Geschichte eines Missbrauchs“ (Fackelträger Verlag, Köln 2008). Das Buch enthält im ersten Teil die persönliche Geschichte von Heidi Marks und im zweiten Teil eine Aufarbeitung des „Falls Eschenau“ durch die Journalistin Susanne Will mit Berichten über den Prozess, das Verhalten der Kirche, Interviews, Informationen von Psychologen, Juristen und Opferschutzverbänden.

Biografie

Sibylle Tamin, geboren 1949 in Stuttgart, studierte Theaterwissenschaft und Publizistik, lebt in Berlin. Sie schreibt seit 1971 für Fernsehen, Zeitung und Radio.

Schaut man sich die Titel und Stoffe der Radiosendungen von Sibylle Tamin an, dann stehen am Anfang Schilderungen des Lebens auf dem Land, dazu mischen sich philosophische und kulturhistorische Themen wie der Tod oder das Glück. Dann kommt der Blick in den Abgrund.

Sophie Freud, eine Enkelin Sigmund Freuds, geboren 1924, schreibt über Sibylle Tamin: „Das Böse, in Form von Gewalt und Vernichtungswut, wie es das vergangene Jahrhundert prägte und bis heute weltweit in schrecklichem Ausmaß geschieht, spürt die Autorin im Kleinen auf, in privaten und öffentlichen Räumen deutscher Kleinstädte und Dörfer. Die Fallgeschichten dieses Buches sind Ermittlungen auf dem scheinbar wohlanständigen Terrain bürgerlicher Wohnzimmer, traditionsreicher Wirtshäuser, der Kirche, des Rathauses und der Schule. Wie ein Detektiv begibt sich die Autorin selbst zu den Orten der Untaten, führt Gespräche mit maßgebenden Menschen und fragt, oft über Monate hin, beharrlich immer wieder nach.“ (Nachwort in: „Das Böse von nebenan“ von Sibylle Tamin, 2013)

Ausgewählte Radiostücke

„Geschichten aus dem Stutenhof“, drei Teile, SDR 1976-1977
„Ein Sommer auf dem Land“, SFB/WDR 1992
„Das Nahe und das Ferne – Die Physiologie des Glücks“, RBB 2003
„Schluss und Ruh, Ein deutsches Genrebild“, DKultur/RBB 2005
„Jagdszenen aus Unterfranken“, BR/DLF/RBB/WDR 2008
„Komm, süßer Tod – Vom Dilemma der Moderne“, BR 2009
„Aus der Mitte der Gesellschaft, Psychologie eines Verbrechens“, DKultur/BR 2011
„Schnee – Geschichten einer Leidenschaft“, DKultur/NDR/RBB 2011

Bücher

Vier für den Druck bearbeitete Radiosendungen, erschienen 2013 bei Fischer:
„Das Böse von nebenan. Wahre Kriminalfälle aus der Provinz“

Ebenfalls bei Fischer erschien 2016:
„Nachmittage mit Mördern. 10 wahre Tätergeschichten“.

 

Stichworte:
Dorfleben, feudale Strukturen, Missbrauch

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