Stück ist schlauer als der Autor

Du, das wäre nicht das erste Mal, dass ein Stück schlauer ist als der Autor. Die Tatsache, dass ich diese Leute nicht zu Wort kommen gelassen habe, die machen das ganz Gerede drumherum über sie natürlich viel viel interessanter, und überhöhen es, und dieses Nichts, was da auf der einen Seite ist und das Geschwätz auf der anderen Seite, das hat ja ne dramaturgisch viel größere Kraft als ich selber geplant habe

Features werden in eine lebenslange Großerzählung integriert

Er hat eine raffinierte Form gefunden, seine Radioarbeiten komplett aus dem Radio herauszulösen und sie in sein schriftstellerisches Werk zu integrieren: eben mit der Geschichte der Empfindlichkeit. Literarisierung und Protokoll, Romane und Journalismus stehen darin in vielfältig verschlungener Wechselwirkung. Der, der hier für den Sender auf Recherchereise geht, hat auch ein Privat- und Sexleben und zieht gegen Kollegen aus dem Literaturbetrieb vom Leder – es gehört alles zusammen.

Kipp-Punkt

Man redet über dies und das, zum Beispiel über Chicago, über Gewalt und Verbrechen in der Welt, was alles so in den Zeitungen steht über Raub, Mord und Vergewaltigungen, und mit einem Mal sagt die Wirtin: Vergewaltigungen gibt es auch bei uns hier im Dorf. Es ist der Kipp-Punkt der Geschichte. Am Kneipentisch wird es still und Heidi Marks, die mit 15 Jahren das Dorf verlassen hat, bricht in Tränen aus und erzählt ihre Leidensgeschichte.

ein literarischer Erzähler

ein Erzählen, in dem das Wort im Mittelpunkt steht, das auf Semantik setzt

Erzählen mit fremden Stimmen

Das polyphone Erzählen strebt die „Gleichwertigkeit“ aller Stimmen an.

gleichberechtigt, Schnitt und Gegenschnitt

Der Autor Paul Kohl bricht ein bundesdeutsches Tabu, indem er Aussage gegen Aussage setzt, gleichberechtigt, Schnitt und Gegenschnitt. Er schafft so einen dokumentarischen Rahmen, eine fiktive Begegnung, die historisch – zumindest in Westdeutschland – nicht stattgefunden hat.

Unzuverlässiger Erzähler

Was ist das für ein Erzähler, der sich gar keine Mühe gibt, die Fäden zusammenzuhalten? „Weiß ja selber nicht, was ich hier suche“, murmelt er in der langen Szene, wo er in der Kanalisation den Ratten begegnet.

Road-movie Feature

Er dokumentiert eine Reise durch die Bundesrepublik im Herbst 1977. Ohne genaues Reiseziel verschlägt es ihn von Nord nach Süd und querfeldein durch die sogenannte deutsche „Provinz“. Er besucht Hundezüchter und Waffenverkäufer, Hausfrauen und Kneipengänger, macht zufällige Bekanntschaften auf der Straße und bei Beerdigungen und immer dabei ist das Mikrofon, das sich weder für Namen noch Berufe interessiert, sondern allein auf die Sprache, die Befindlichkeit des Augenblicks abzielt.

rhythmisch wiederkehrende Leitmotive

Durch die rhythmisch wiederkehrenden Leitmotive, die sich hier durch das Stück ziehen und es zusammenhalten, konnten die studentischen Monteure – gemeinsam mit ihrem regieerfahrenen Mentor Robert Matejka! – das ausgewählte Material im Studio dann um so freier und assoziativer, eher nach musikalischen, als nach logischen Gesichtspunkten arrangieren.

der moderierende Erzähler

Anders als die literarische Reportage braucht das Feature nicht zwangsläufig einen moderierenden Erzähler, der fortlaufend wechselnde Orte und Konstellationen beschreibt. Die Szenen erzählen sich den Ohren selbst, die bleibende Rest-Unschärfe ist exakt jener Freiraum, der dann der Phantasie des Hörers zugute kommt.

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