eine Hörspielatmosphäre

Was ist das bloß für ein Trip? Dunkelheit. Beunruhigende Geräusche. Das dünne, schrille Fiepsen der Ratten. Was sind das bloß für Typen? Von den Égoutiers, den Kanalarbeitern von Paris, hören wir Stimmen im O-Ton. Und dann verselbständigen sich ihre Geschichten; ein Jean-Claude erschlägt eine Ratte und will eine andere mit seiner Frau zuhause großziehen. Was ist das für ein verrückter Professor, der mit spitzer Diktion von der Vernichtung der Ratten fabuliert?
Es klingt wie ein Hörspiel. Aber tragende Elemente dieses Radiostücks sind klassisches Feature.

Vom dokumentarischen Material zur literarischen Gestaltung

Er nimmt sich dabei einige Freiheiten. Aus dem Recherchematerial – Gespräche mit den Égoutiers und Lektüre einer historischen Monographie über den rattus norvegicus – formt er Figuren, nennt sie „Jean-Claude“ und „Professor Winkelhofer“ und gibt Ihnen ein eindeutig literarisches Eigenleben. Ein Hörspiel-Feature-Hybrid, aber mit voller Transparenz, denn nirgendwo wird versucht so zu tun, als sei es eindeutig und ausschließlich das jeweils eine oder andere. Zur Ober- und Unterwelt von Paris gesellt sich eine dritte Ebene: die Innenwelt des Autors, die aber auch unsere Innenwelt ist.

wir sind alle Zeugen der Wahrheit

Nach der Einspielung einer Zeugenaussage, die die massenhafte Erschießung von Menschen in einer Grube im Wald geschildert hat, sagt die Stimme am Mikrofon: „Es ist nur vier Jahre her und es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass solches vor sich ging. Denn viele von uns haben es an vielen Stellen gesehen, ich selbst könnte die fürchterliche Wahrheit solcher Szenen beschwören.“

Das Mikrofon schafft eine Bühne

das Mikro verwandelt Wirklichkeit unweigerlich in eine Bühne.

Die Frage nach der Objektivität

Die Frage nach der Objektivität, nach Repräsentanz stellt weder das Feature noch ihre Artverwandte aus dem Blätterwald.
Beide dürfen auf den Zufall vertrauen und wenn das Mikro zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist, dann beschenkt er den Macher und den späteren Hörer mit solchen Sternstunden- oder Minuten wie in „Jetzt!“ bei Sendeminute 35: eine echte Prototypen-Show:

Kunstgeräusche. Kunstprodukte

Das ist kein realistischer Einsatz von Geräuschen … Sowohl diese eher leise Atmo als auch das markante Geknatter der Flipper und die Motorräder der Rocker sind in quasi klinischer Reinheit aufgenommen worden, nicht in ihrem „natürlichen“ Umfeld. Es sind Kunstgeräusche. Kunstprodukte.

Wer darf über wen sprechen?

Dürfen Cis-Menschen über Trans-Menschen schreiben, weiße Männer über schwarze Frauen, privilegierte über Marginalisierte – und umgekehrt? 1998 war die Debatte noch weit von ihrer heutigen Schärfe entfernt, aber es gab schon den „Besserwessi“.

Echtheitsgarantie

„Dies ist ein Bericht über einen Film ohnegleichen. Er ist ohne Drehbuch gemacht, ohne Stars. Auf der Leinwand erscheinen nur – (Pause) – ganz gewöhnliche Leute. Und die Geschichte, die ihnen widerfährt, ist bekannt, sie ist wahr, sie hat sich wirklich ereignet, und jedermann weiß es“.

Verdichtung und Reduktion

Ob in einem Medium, in dem gesprochene Sprache zum „Material“ wird, in einem Genre, das mit Schnitt und Collage arbeitet, in dem der Autor regelmäßig, je intensiver er recherchiert und aufgenommen hat, zu immer weiterer Reduktion genötigt ist, ob unter solchen Küchenbedingungen also, überhaupt die heilige Objektivität des Journalismus angemahnt werden kann.

Manipulation

Der medienkritische Diskurs über Täuschung oder Manipulation entzündete sich ohnehin eher an Stücken aus der Abteilung Hörspiel wie zum Beispiel dem „Staatsbegräbnis“ von Ludwig Harig (1969) oder dem „Preislied“ von Paul Wühr (1970.

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